Weihnachten allein


Ursula Patzschke


Ich wollte keinen Baum, man schenkt' ihn mir.
Da steht er nun, er sieht so traurig aus
und weckt doch Hoffnung, denn ich sitze hier
und warte auf den Weihnachtsduft im Haus.

Den Duft jedoch verlor er schon vor Wochen,
jetzt fallen auch die Nadeln Stück um Stück,
die Axt hat seinen Lebensnerv zerbrochen.
Am liebsten brächt' ich heut' ihn noch zurück.

Dorthin, wo er gestanden hat im Freien,
der alten, ernsten Tannen kleines Kind,
wo er mit Brüdern wuchs in langen Reihen,
der Sonne hingegeben und dem Wind.

Weil das nicht geht, werd' ich ihn nun doch schmücken,
ich hänge Kugeln ihm und Zapfen an aus Glas
und hoffe insgeheim, es würd' mir glücken,
zurückzuholen alten Kinderspaß.

Die Lichter noch, und auch die Engelsspitze,
dazu Lametta ringsherum verteilt.
Vom Auf und Ab gerat' ich fast in Hitze,
vor lauter Tun ist mir der Tag enteilt.

Vorm Fenster dunkelt schon die heil'ge Nacht.
So werd' ich meine Kerzen nun entzünden.
Doch was mir früher Weihnachtsfreude bracht',
kann ich in mir heut' nicht mehr wiederfinden.

Die Menschen fehlen, die der Baum sonst einte,
wer heut' allein ist, der ist sehr allein.
Ich bin so stark nicht, wie ich immer meinte,
das bisschen Flitterkram kriegt mich heut' klein.

Ich muss das Fest begeh'n auf and're Weise,
als ich 's gewohnt, ich gehe aus dem Haus.
Der frisch gefall'ne Schnee ist weich und leise,
die Kälte löscht in mir die Wehmut aus.

Der Glocken Töne steigen zu den Sternen,
in mir ist nur ein einz'ger Weihnachtswunsch:
Ich möchte das Alleinsein lieben lernen,
Zu Hause warten Buch, Musik und Punsch.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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