Verletzlich


Ursula Patzschke


Wie viele Häute hab' ich angelegt
zum Schutz der eig'nen, dünnen Haut,
die so verletzlich ist.
Ich zog sie Schicht um Schicht mir über,
zuerst, den Krieg zu übersteh'n,
dann kam die Angst durch die Jahrzehnte,
dass er wiederkehrt.
Dann, um die vielen Wunden abzufangen,
die uns unweigerlich das Leben schlägt,
als Schutzschild gegen Ellenbogen,
auch um die Krankheit anzunehmen,
die Wünsche tötet und mich fesselt.

Noch immer war die Haut nicht dick genug,
ich fügte sie noch fester,
wie könnt' ich sonst ertragen,
was täglich mir die Welt an Not
und Grausamkeit ins Zimmer schüttet.
Gut ist die neue Haut, die kalte,
lässt keine Tränen zu um fremdes Schicksal
und löscht die Flammen des Entsetzens,
die mich verbrennen würden.
Jedoch verweigert sie mir auch das schnelle Lachen,
die ausgelass'ne Fröhlichkeit.

Unlösbar ist sie nun mit mir verbunden,
und trotzdem spür' ich täglich, jederzeit
die unterste, die eig'ne dünne Haut,
die so verletzlich ist
und ungeschützt von innen,

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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