Stoßseufzer


Ursula Patzschke


Ich schrieb für die Zeitung einen Bericht,
benutzte nur Fakten, beschönigte nicht.
Man sagte: “Mein Gott, lass das lieber bleiben,
kannst du nicht was Optimistisches schreiben?"

Ich schrieb ein Gedicht, und die Sorgen der Zeit
beschwor ich, beschrieb ich ausführlich und breit.
Der Lektor sagt mir dazu aber: “Nein,
Sie sollten viel optimistischer sein!"

Ich schrieb 'ne Geschichte, so recht aus dem Leben,
da geht 's halt nicht immer so glatt und so eben.
Man sagt: “Warum schreibst du von Krankheit und Pein,
fällt dir denn nichts Optimistisches ein?"

Zum Schluss versuchte ich einen Roman,
eine Dreiecksgeschichte kommt immer an,
psychologisches Drama, am Ende ein Schuss.
Man sagt: “Gibt 's keinen optimistischen Schluss?"

Nun hab' ich es satt, hab's aufgegeben,
von traurigen Wahrheiten kann man nicht leben,
ich bin optimistisch jetzt bis unters Hemd.
Nun nennt man mich: “Völlig wirklichkeitsfremd."

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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