Nebel


Ursula Patzschke


Ich liebte stets den Frühdunst, der, die Blicke
verschleiernd, sanft auf Wald und Wiesen lag,
erfrischte er doch Blüten, Gras und Zweige,
versprach mir immer einen schönen Tag.

Was jetzt ich schau', sind nicht die Morgennebel,
die, sich verdichtend, ineinanderdreh'n,
die Weite mir entziehen, dann die Nähe,
ich werd' die prallen Farben nicht mehr seh'n.

Der Boden schwindet unter meinen Füßen,
Bewegung ist für mich ein wirrer Tanz
von Schatten hinter transparenten Scheiben.
Die Sonne ist nur Wärme, nicht mehr Glanz.

Ein Vogel ist nur Sang und Flügelschlag,
ein Bild, ein Foto zwingt mich zum Verzicht,
ein fremder Mensch ist für mich Hand und Stimme,
und selbst der liebste Mensch hat kein Gesicht.

Verändert ist die Welt und voller Kanten,
und nichts ist so mehr, wie es einmal war,
ein jeder Schritt ist schon ein Abenteuer,
aus jeder Ecke ahne ich Gefahr.

Was blieb? - Das ist der Wind, den niemand sieht,
das Dunkel, das auch and're hilflos macht,
Musik, bei der auch du die Augen schließt,
die Freude, wenn man miteinander lacht.

Es braucht viel Mut, die Grenzen zu erkennen,
und Kraft, zu wollen, was erreichbar ist.
Ein neues Leben, noch mal neu beginnen, ein
Leben, das mit eig'nem Maß man misst.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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