Kritik


Ursula Patzschke


Ich schrieb, aus Vorsicht, erst einmal zehn Zeilen
und nannte dann das Ganze ein Gedicht,
gab zu, ich müsse sicher noch dran feilen.
Den Workshop aber überstand es nicht.

Zuerst fand man es gut im allgemeinen,
sehr ausdrucksstark und technisch gut gemacht,
doch Anfangssatz und Schluss müsst' man verneinen,
man strich zwei Zeilen, nun waren es noch acht.

Die zweite Zeile gibt viel Grund zum Streiten,
und auch die dritte fasst das Thema nicht komplex,
man ist sich einig, daß man diese beiden
nicht unbedingt benötigt. Bleiben sechs.

Nun zupft man rum an Zeile fünf und sieben,
denn ohne Anfang steh'n sie nutzlos hier,
man meint, sie wären besser nicht geschrieben,
sie könnten weg. Nun waren es noch vier.

Die Zeilen vier und sechs, das sind die besten.
Man überlegt und dreht sie mehrmals um,
doch passen sie nun nicht mehr zu den Resten,
sie fortzulassen wäre gar nicht dumm.

Die Zeilen acht und neun steh'n da und frieren,
was sollen sie auch ohne Hand und Fuß?
Sie sind so nackt und müssen sich genieren,
drum mach' ich dem Gemetzel endlich Schluss.

Die Überschrift allein ist mir geblieben,
ich frage mich, was fang' ich damit an?
Vielleicht schreib' ich, was ich noch nie geschrieben
Ich denk', daraus entsteht mal ein Roman.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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