Führer durch die Nacht


Ursula Patzschke


Mutig schreitest du
durch die steigende Dämmerung,
doch wenn der letzte Vorhang
sich hinter dir schließt,
überfällt dich die Nacht.
Eine Nacht ohne Sterne,
die dich schwindelig macht
und deine Füße lähmt.

Jetzt bin ich es,
der Mitleid empfindet,
denn ich kenne die Angst.
Nimm meine Hand als Stütze,
und meine Stimme als Weg,
vertrau` mir. Hier bin ich
zum ersten Male
dir überlegen.

Und nun streif die Angst ab,
deine Hände werden dir sagen,
wie die Dinge aussehen,
und deine Füße werden spüren,
ob du auf Sand oder Stein gehst.
Öffne dich den Tönen,
sie werden dir Bilder
hinter die Augen malen.

Erschrick nicht so,
berührst du fremde Haut,
das Dunkel braucht Nähe.
Birg die Scheu unterm Lächeln,
und sprich mit anderen,
den Unsichtbaren,
denn Worte sind hier Brücken,
die zueinander fuhren,

Atme noch einmal
die Schwärze in dich,
und dann geh' zurück
in dein helles Leben,
erlöst, der Nacht
entkommen zu sein.
Verstehst du sie nun,
die für immer in ihr gefangen sind?*

(Das Gedicht “Führer durch die Nacht" richtete sich an die Besucher der Installation “Dialog im Dunkeln" der Deutschen Blindenanstalt Frankfurt. Es wurde ins Englische und Französische übersetzt und war im Begleitheft der Installation in der Schweiz, in Paris und London zu lesen.)

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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