Freund vorm Fenster


Ursula Patzschke


Als ich ein Kind war, wurdest du gepflanzt,
und Mutter meinte, das wird nie ein Baum.
Ich glaubte ihr, denn mir das vorzustellen,
gelang mir nicht einmal als Kind im Traum.

Du warst so klein wie ich, und die paar Zweige,
die du schon trugst, die waren dünn und kahl.
Damit der erste Wind dich nicht zerbräche,
band man dich fest an einen dicken Pfahl.

Ich schaute täglich auf dem Weg zur Schule
dich an voll Neugier und voll Zärtlichkeit,
doch sah ich dich nie wachsen, das enttäuschte,
ein Kind lebt schnell. Ein Baum hat so viel Zeit.

Und eines Tages baute man die Straße,
um dich herum ward alles betoniert,
Für deine Nahrung, Wasser, Luft zum Atmen
blieb dir ein lächerliches Erdgeviert.

Du tatst mir leid, doch wenn ich ehrlich bin,
hab' ich dich jahrelang dann ganz vergessen.
Das Leben bot so viele Möglichkeiten,
und täglich hart' ich andere Int'ressen.

Die Jahre flogen hin, doch ab und zu
bemerkt' ich schon, wie schön du warst, wie stolz
dein grünes Haupt du in den Himmel recktest,
der Pfahl war fort, dein Stamm war festes Holz.

Erst später, als mein eig'ner Lebenskreis
beschnitten war, die Weite sich verschloss,
erfuhr ich Freude an den vielen Dingen
in meiner Nähe, was ich sehr genoss.

Du, Baum, gehörst dazu, denn deine Krone
schaut täglich grüßend mich durchs Fenster an,
bestätigst mir, daß man trotz Widrigkeiten
erwachsen werden und bestehen kann.

Ich grüß dich, Freund vorm Fenster, deine Nähe
belebt mir diese graue Welt aus Stein,
und hör' ich sachte deine Blätter rauschen,
dann fühle ich mich nicht mehr so allein.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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