Endstation


Ursula Patzschke


Frauen wie Charlotte
gab es viele,
in vielen Heimen.
   Sie hat ein Dach überm Kopf,
   ihr tägliches Brot,
   einen fremden Tagesablauf
      In den Resten ihrer Möbel
      Reste von Erinnerungen
      an ein langes Leben.
Na, Hauptsache, du bist nicht allein, meint der Sohn.

Mit der anderen Frau
in dem zu engen Zimmer
versteht sie sich nicht.
   Sie fühlt sich bevormundet,
   von Neugier umlauert,
   oft missverstanden.
      Zwei Charaktere,
      extrem verschieden,
      kein Weg zueinander.
Na, Hauptsache, du bist nicht allein, meint der Sohn.

Weil sie Treppen nicht schafft,
wird ihr das Essen
im Zimmer serviert.
   An zu niedrigem Tisch,
   mit den Augen zur Wand,
   stochert sie lustlos.
      Das Abendbrot stellt sie
      um elf in den Kühlschrank.
      es ekelt sie jetzt schon.
Na, Hauptsache, du bist nicht allein, meint der Sohn.

Wenn andere fortgehen,
kann sie nicht mithalten,
bleibt ihr der Hof.
   Dort hilft sie, die Schwache,
   hilflos den Schwächeren.
   Die Schwester kommt nicht.
      Und spielt stundenlang,
      mit zu Kindern Gewordenen
      Mensch ärgere dich nicht.
Na, Hauptsache, du bist nicht allein, meint der Sohn.

Die Mitbewohner kommen
Jederzeit ins Zimmer.
Es klopft keiner an.
   Egal, ob sie nackt ist
   oder im Bett liegt,
   oder liest oder schreibt.
      Sie bringen nur Klatsch mit,
      und klagen und jammern,
      kein Gespräch ihrer Wahl.
Na, Hauptsache, du bist nicht allein, meint der Sohn.

Sie dachte schon früher
öfter ans Sterben,
hier stirbt sie täglich.
   Hautnah erlebt sie
   Siechtum und Schmerzen,
   spürt jede Lücke.
      Sie wartet und fragt sich,
      zumal in den Nächten,
      wann sie verlöscht.
Na, Hauptsache, du bist nicht allein, meint der Sohn.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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