Die andere Welt


Ursula Patzschke


Ich lernte lesen und schreiben wie alle Kinder.
Ob es mir Mühe gemacht hat, weiß ich nicht mehr,
aber als ich es konnte, wurde es so selbstverständlich
wie Essen und Schlafen,
und auch so genussvoll.
Kein Fest ohne Buch,
jedes Buch ein Fest,
ich wurde nie satt.

Dann, plötzlich, war alles zu Ende.
Keine noch so großen Lettern halfen mir.
Selbst den Brief konnte ich nicht mehr entziffern,
in dem stand: Ich liebe dich.
Mir war, ich stünde am Rande der Welt.

Doch uns're Erde ist rund.
Mein nächster Schritt stürzte mich nicht ins Chaos,
sondern führte mich in eine andere Welt,
eine fremdartige, die ich noch nicht kannte.
In ihr wurde ich wieder zum Kind,
denn ich lernte alles noch einmal ganz von vorn,
auch Lesen und Schreiben.

Doch diesmal war es Mühe,
war Anspannung bis zur Erschöpfung.
Wie sollte man diese Papierflöhe nur fangen?
Sie wiedererkennen, sie unterscheiden?
Auch hatte ich bisher nicht gewusst,
dass man an Fingerkuppen schwitzen kann.
Doch man lernt viel, wenn man muss,
und ich musste,
denn ich wollte wieder lesen und schreiben können.

Und das Wunder geschah,
allmählich fugten sich die Punkte meinen Fingern,
wurden zu Straßen in der anderen Welt.
Sie erschlossen mir das Unbekannte,
führten mich zu neuen Freunden
und brachten mir auch die alten zurück,
meine Bücher.

Ich danke es dir, Louis, Sattlersohn,
meinem Bruder.

(Louis Braille, 1806 bis 1852, Erfinder der Blinden-Punktschrift)

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


zurück zur Seite Ursula Patzschke
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Die andere Welt

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de