Diagnose


Ursula Patzschke


Ich trete aus der engen Kabine, entblößt,
muss stehen bleiben.
Hinter dem Schreibtisch der Arzt, streng und unnahbar,
wie ein General in weißer Uniform,
Sein flüchtiger Blick streift mich desinteressiert,
erzeugt Scham.
Er greift nach einem Bündel Papier, fächert es auf.
Es sind die Antworten meines Körpers
auf die Fragen der Maschinen.
Er liest, vergleicht, schreibt,
schiebt mir einen Zettel zu und murmelt etwas wie:
“Vertrauen haben."
Ich möchte schreien:
“Schau her, General, ich bin dein Schlachtfeld,
in mir wird der Kampf ausgetragen!
Willst du dich nicht selbst überzeugen,
mit eigener Hand den Schmerz suchen?
Mir Mut machen?"
Da steht er schon auf, geht, grußlos.
Auf dem Rezept steht nicht,
woher ich Vertrauen nehmen soll.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


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