Der Trugschluss


Ursula Patzschke


Ein Mensch, der seelisch sich nicht wohl
befindet, greift zum Alkohol
und glaubt, dass diesem Stoff gelingt,
was selber er nicht fertig bringt,
nämlich sich emporzuhieven
aus des Lebens düst'ren Tiefen.

Der erste Schnaps schmeckt ihm noch nicht,
denn er verzieht ihm das Gesicht.
Der zweite rutscht bedeutend leichter,
jedoch beim dritten erst erreicht er,
und er bemerkt 's mit großer Lust:
Der Sorgendruck weicht von der Brust.
Der vierte folgt dem dritten schnell,
jetzt wird's in seinem Inn'ren hell.
Beim fünften merkt er, dass ein Mann
wie er so ziemlich alles kann.
Mit Abstand und ganz objektiv
betrachtet er, was ihn so tief
bedrückt, dass ihm die Welt zerbrach,
und er sinniert darüber nach.
Beim sechsten Schnaps wird ihm dann klar,
dass er ein dummer Esel war,
sich wegen solcher Nichtigkeiten
das ganze Leben zu verleiden.
Das siebte Glas zeigt ihm, im Grund
ist er ein armer, armer Hund.
Der Denkprozess beginnt zu stocken,
vor Mitleid wird die Kehle trocken,
und auch der achte nicht vertuscht:
Sein ganzes Leben ist verpfuscht.
Das neunte endet seine Qual,
nun ist ihm alles ganz egal,
er trinkt das zehnte auch noch leer,
von nun an weiß er gar nichts mehr.

Der Morgen findet ihn im Bett,
sein Ausseh'n ist nicht sehr adrett.
Er blinzelt trag' mit lautem Stöhnen,
den Herzschlag hört im Kopf er dröhnen,
er wankt zum Wasser, sich zu kühlen,
jetzt hat er Grund, sich schlecht zu fühlen.

(c) Ursula Patzschke (Erben) / Halle


zurück zur Seite Ursula Patzschke
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Der Trugschluss

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de