Weihnachtsliederzyklus "Deine Welt ist der Frieden"

14 Lieder zur Weihnachtszeit mit verbindenden Zwischentexten


Texte und Musik: Theo Floßdorf - 1988

Veröffentlicht unter dem Pseudonym: A. Damaro

 

   1. Auch dieses Jahr ist Weihnacht
   2. Da huscht ein Schatten
   3. Drei Könige
   4. Wie schwer sind meine Wanderstiefel
   5. Dann ist Weihnachtszeit
   6. Wartet meine Schafe
   7. Du Nacht der tausend Lichter
   8. Ruprecht, nimm den warmen Pelz
   9. Schlittenfahrt
  10. Schlaft gut, ihr Beiden
  11. Und es geschah
  12. Deine Welt ist der Frieden
  13. Barbarazweige
  14. Und silbern vergießen die Sterne

 

1. Auch dieses Jahr ist Weihnacht

Schau mal hinter Tür und Vorhang,
denn da steht ein Instrument,
das sich noch an dich erinnert,
dich aus früh'ren Jahren kennt.
Freunde helft mir Lieder singen
zwischen Kerzenlicht und Wein.
Lasst Gitarrensaiten klingen
und uns heut' romantisch sein.

Refrain:
Auch dieses Jahr ist Weihnacht,
Freunde nah und fern.
Auch dieses Jahr ist Weihnacht,
und es funktioniert der Stern.

Haben wir's als Kind gesungen,
scheint es heute wie verhext.
Wie war's in der zweiten Strofe,
weiß noch irgendwer den Text?
Weiß auch wer, wie man den Ständer
eines Christbaums repariert,
oder Heiligengewänder
für die Krippe aufpoliert?

Sehen heut' betreffend Sorgen
jede Lösung sonnenklar.
Sind die Bratäpfel geworden,
oder ist's wie letztes Jahr?
Wie der Tisch voll Naschereien
sich so nach und nach entleert.
Fühlt sich wer aus unsern Reihen
um das Schwundgewicht beschwert?

 

Auch dieses Jahr ist Weihnacht. Deshalb wiederholen sich in diesen Tagen die alljährlichen "Problemchen und Liebenswürdigkeiten", die als untrennbar feste Einrichtung dazu gehören. Deshalb tauchen auch die alten Erinnerungen wieder auf, Erinnerungen an die Kindertage, vielleicht könnte man sagen: "Erinnerungen an eine heile Welt." Sie machen sich dann oft an ganz kleinen Dingen fest, diese Erinnerungen. Für den Einen ist das ein bestimmter Kerzenleuchter, für den Anderen vielleicht die winzige silberne Trompete des Engels, der stets ganz oben im Baum direkt unter der Spitze saß. Für den Dritten mag es das von Vater kunstvoll gestaltete Transparent mit der Aufschrift GLORIA IN EXCELSIS DEO sein. Es leuchtete immer über dem Eingang zur Krippe. Schade, dass ich nicht einmal weiß, wo dies Transparent heute ist. Irgendwann verschwand es zuerst vom Giebel der Krippe und dann für einige Jahre aus meinem Gedächtnis. Jedoch sind für mich solche Erinnerungen besonders an zwei alte Sessel und einen kleinen Tisch geknüpft. Sie mussten zur Weihnacht immer einer großen, etwas rauen Wolldecke weichen, die sich dann in der ganzen Ecke des Zimmers ausdehnte.

 

2. Da huscht ein Schatten

Da huscht ein Schatten vom Kamin
in meine Lieblingsecke.
Wo sonst die alten Möbel stehn,
liegt heute jene Decke,
die Mutter als noch junge Frau
für mich bestickt mit Sternen
aus reinem Gold, auf tiefem Blau,
zum Weltall kennen lernen.
War's damals Vorhang, war es Kleid?
Egal, bestickt mit Frieden,
zerstoch'nen Fingern, Fröhlichkeit
und mit der ihr eigenen Liebe.

Wie jedes Jahr steigt jetzt ein Traum
aus eben jener Decke.
Sie trug so manchen Weihnachtsbaum,
auch Engel und Gestecke,
die unerfahr'ne Kinderhand
aus Sperrholz sich erträumte,
die Vater lächelnd mit Verstand
und insgeheim verleimte.
Sie war mir das zentrale Ziel,
wenn ich mich recht entsinne,
Arena für manch Krippenspiel
und später für andere Dinge.

Sie weiß um Blockflötenmusik,
wie Töne schwebend fliehen
und hat mit Großmut, weitem Blick,
mir manchen Ton verziehen.
Sie weiß um jenen Abend und
die vorgeschützte Grippe
und kennt auch den geheimen Bund,
mit jenem in der Krippe.
Wie leise knistert's im Kamin.
Es funkelt meine Decke.
Und Sternengold und Wünsche ziehn
durch meine Lieblingsecke.

 

Eine Wolldecke als Nabel der Welt anzusehen, gelingt uneingeschränkt wohl nur Kindern. Und doch weiß ich noch heute recht gut, welche Wünsche beim Spiel auf dieser Decke geboren wurden - von ihr ausgehend ihren Weg nahmen, in die Weite zogen, wie sehr diese Decke Mittelpunkt war für mich. Aus unerreichbarer Entfernung blickt ein solcher Wunsch dann vom Horizont aus wie eine Aufforderung zu uns zurück. Und gerade diese Entfernung ist es wahrscheinlich, die ihn besonders reizvoll macht, die jeden Wunsch vergoldet, leuchten lässt. So wird er vielleicht, ohne dass man selbst es bemerkt, zu einem Stern. Ich habe derartige persönliche Sterne immer geliebt, bin ihnen gerne gefolgt, obwohl ich durch sie unter anderem Enttäuschung, Einsamkeit, ja Schiffbruch kennen gelernt habe. Gefolgt bin ich dennoch, weil ein solcher Stern auch und vor allem Hoffnung gibt. Es ist, als würden die Strahlen dieses Hoffnung verkündenden Sterns magnetisch sein; man folgt ihnen mit Ausdauer. Und da kann es durchaus geschehen, dass man sich irgendwann angestrahlt mitten im Lichtkegel seines eigenen Sterns wiederfindet. Wenn Sie so wollen, eine Situation, wie sie schon in der Bibel beschrieben wird, wo sie von drei weisen Männern aus dem Morgenland erzählt.

 

3. Drei Könige

Der Stern war ihnen unbekannt.
Sie trugen ihre Sehnsucht durch den Sand,
die Weisheit ihrer Völker nach Jerusalem,
ihr Herz nach Bethlehem.

Sie folgten jenem neuen Stern,
begrüßten in Palästen große Herrn.
Sie zogen durch Gelehrtenstuben, fremdes Land
und fanden Unverstand.

Die Sehnsucht trug sie mit sich fort,
wurde für sie zur Straße Ort um Ort.
Durchdrungen von dem Feuer, das die Ruhe nimmt,
das ihren Weg bestimmt.

Der Strahl des Sterns wies in ein Tal,
zur Stätte der Begegnung, jenem Stall.
Die Weisheit der drei Männer beugte müde Knie;
ihr Ziel erkannten sie.

 

Wer sein Ziel erkennt und es mit den Augen fest hält, hat die grundsätzliche Chance eines Weges, der exakt nach geradeaus führt. Wie schön, wenn das gelingt. Schade nur, dass wir alle so viele Wege deshalb machen, weil wir ein sinnvolles Ziel, unser Ziel überhaupt und endlich zu entdecken hoffen. Da können die Füße müde werden, dem heutigen Wanderer wie dem damaligen.

 

4. Wie schwer sind meine Wanderstiefel

Wie schwer sind meine Wanderstiefel,
seit der Stern erschien.
Hab so viel Staub an meinen Füßen,
doch ich folge ihm.
Freund nach Westen leuchtest du voraus,
tust grad so, als wartete dort ein Zuhaus.

Mein Wanderstock ist gut geschnitten,
Holz aus hartem Kern.
So halt ich Schritt mit deinen Schritten,
bist du auch schon fern.
Freund, dein Weg führt durch die Einsamkeit,
treibst mich an, als hätten wir keine Zeit.

Der Nachtwind greift in meine Jacke,
weht den Berg hinab
durch Nebelschwaden. Fester packe
ich den Wanderstab.
Freund, da vorne liegt ein warmes Licht.
's will mir scheinen, dass es durch Stallwände bricht.

Wie schwer wird mir der alte Rucksack,
seit ich dich gesehn.
Die Last, die ich nun lang genug trag,
lass ich einfach stehn.
Freund, ich bade mich in deinem Schein,
streife meine Stiefel ab, bin ja daheim.

 

Daheim, was bedeutet dieses Wort nicht alles: Nestwärme, Verwurzelung, Vertrautheit, Detailkenntnisse. Ja wirklich, Kenntnisse der allerkleinsten, dem Außenstehenden unwichtig erscheinenden Details. Natürlich gehören hierzu auch jene Kleinigkeiten, die als untrügerische Zeichen jede Weihnachtszeit ankündigen. Da stiehlt sich irgendwann aus der Küche ein Duft von sonst kaum gebrauchtem Gewürz. Da sind plötzlich Strohhalme im Haus, aber aus richtigem, echtem Stroh, nicht diese Kunststofftrinkhalme. Und die Strohhalme wissen noch, wie man duftet. Die Plastikdinger haben das ja nie gelernt. Da liegen Erinnerungszettel herum, und fröhlich ernste Kinderaugen vertrauen mir einen Wunschzettel an. Da entlocken übende Hände einem Musikinstrument einmal keine Popklänge, sondern probieren sich an den alten Melodien, vielleicht auch an diesen hier. Und natürlich sucht der Ton einer Blockflöte zunächst zögernd, dann sich vordrängend seinen Weg durch die Zimmer.

 

5. Dann ist Weihnachtszeit

Wenn die Wälder wieder ruhen,
wenn das Abendrot mit Wolken spielt,
wenn mir Eisklumpen zieh'n an den Schuhen,
wenn ein Kinderwort wiegt und gilt,
wenn Gedanken sich ordnen, neu entstehen,
sich um Weinvorrat und den Nachbarn drehen,
dann ist Weihnachtszeit.

Tanzt der Wind in leeren Bäumen,
schwitzt das Feuerholz und frieren Seen,
duften Backobst und Glühwein nach Freunden,
wird die Kinderschrift erstaunlich schön,
wenn die Nasen an Fensterscheiben kleben,
weil Geheimnisse durch die Zimmer schweben,
dann ist Weihnachtszeit.

Wenn die Kinder sich gefangen,
wenn auch ihre Schrift normalisiert,
wenn die Mütter und Karpfen entspannen,
's Fernsehprogramm schlechter wird,
wenn die Chöre nicht in Terminen ertrinken,
wenn die Preise für Äpfel und Nüsse sinken,
dann ist Weihnacht vorbei.

 

Tatsächlich vorbei sein wird Weihnachten eigentlich nie, da die Ereignisse von damals bestehen bleiben. Es wäre wohl interessant, zu wissen, was sich im Einzelnen vor etwa zweitausend Jahren zugetragen hat. Wie war das zum Beispiel mit den Hirten? Was genau haben sie erlebt? Wie haben sie gehandelt? Uns ist klar, wir werden es nie erfahren, aber wir dürfen uns ausdenken, was einer der Hirten gedacht und getan haben mag. Dazu passt der Klang von Blockflöten, die eine Hirtenflöte nachempfinden. Sie stimmen jetzt einen wiegenden Rhythmus an.

 

6. Wartet meine Schafe

Wartet meine Schafe, nur den Augenblick.
Wärmt euch hier ihr Schafe. Ich komme bald zurück.
Will nur nach dem Rechten sehn.
Ich fürchte, dort ist was geschehn.
Im alten Stall ist Licht.

Wartet meine Schafe, euer Gras ist zart.
Wärmt euch hier ihr Schafe. Frieden schützt heute Nacht.
Leise Musik erzählt der Wind,
von einer Krippe, einem Kind,
drüben im alten Stall.

Wartet meine Schafe, Nachttau kühlt die Luft.
Wärmt euch hier ihr Schafe. Mir ist, als ob wer ruft.
Finde junger Eltern Glück,
sehe ein Kind mit warmem Blick,
als ob es Hirte wär.

Wartet meine Schafe, ihr seid nicht allein.
Wärmt euch hier ihr Schafe. Schmiegt euch einander ein.
Schreitet der Hirte durch sein Feld
und meint, das Kind blickt in die Welt,
als ob es sagen will:
"Wartet meine Schafe."

 

Es kann kaum verwundern, wenn das Lied des Hirten - durch dessen Abgeschiedenheit mit den Tieren, durch die viele Zeit zum Nachdenken, die ihm sein Beruf schenkt - immer mit der Natur, der Schöpfung verwurzelt sein wird. Etliche Vorbilder gibt es ja für ein solches Hirtenlied; sie alle spiegeln diese Religiosität des tief Empfindenden wieder. Überhaupt spielt sich alles auf der Ebene des Gefühls, des ganz persönlichen Erlebens ab in dieser Nacht. Auch die Nacht der Nächte selbst, wie sie von vielen genannt wird, ist zu allen Zeiten in mannigfachen Varianten besungen worden. In den heutigen Liedern geschieht das gerne mit etwas moderneren Harmonien und überdies ein bisschen rhythmischer. Aber auch hier ist die Rede von Besinnlichkeit und Ruhe, von Frieden, Wärme und Licht.

 

7. Du Nacht der tausend Lichter

Du Nacht der tausend Lichter,
es strahlt dein Sternenzelt.
Bringst fröhliche Gesichter
und Frieden auf die Welt.
Gibst unserm Denken Ansporn,
lässt schaun, was lang vermisst,
machst klar, dass jedes Staubkorn
ein Teil der Schöpfung ist.

Weihnachten ist es und Frieden,
natürlich erklingt auch ein Lied.
Und Frieden ist dem stets beschieden,
der seinerseits Vertrauen gibt.

Du Nacht der tausend Kerzen,
es strahlt dein Sternenzelt.
Bringst über viele Herzen
uns Wärme auf die Welt.
Du machst die Glocken schlagen,
gibst allem seinen Wert.
Hast jenen guten Magen.
verdaust, was uns verzehrt.

Heute verbreitet sich Ruhe
und prompt auch ein gutes Gefühl.
Traditionell putz ich Schuhe
und sehne mich nach Kinderspiel.

Du Nacht der tausend Gaben,
bewahre deinen Sinn.
Lasst mich nach Freude graben
und schürfend suchen immerhin.
Du Nacht der tausend Lichter,
es strahlt dein Sternenzelt.
Bringst fröhliche Gesichter
und Frieden auf die Welt.

 

Wunschträume erklingen deutlich aus diesem Lied. Überhaupt werden in jedem Lied Wünsche und Träume versteckt sein. Aber sind nicht besonders sie ein Teil der täglichen "Nahrung", die wir alle dringend brauchen? Ich meine: "Ja." Schließlich leistet ein Buch, oder wenn wir die moderneren Möglichkeiten sehen, leistet audiovisuelle Elektronik genau diesen Dienst, wenn sie uns in eine andere Welt, in ihre Traumwelt entführt. Das lässt mich an die alten Märchen denken, mit denen das folgende Lied eine große Gemeinsamkeit hat. Beide werden von Kindern geliebt und wurden im Ursprung für Erwachsene geschrieben.

 

8. Ruprecht, nimm den warmen Pelz

Ruprecht, nimm den warmen Pelz,
Schnee liegt schon auf den Bäumen.
Wir müssen über Stein und Fels,
denn die Welt will träumen.
Gute Laune huckepack,
fröhliche Gesichter,
eine Prise Schnupftabak,
und steck niemand'n in den Sack.

Refrain:
Schau die Kleinen, das sind Engel,
wie man sie sehr gerne mag,
und die richtig großen Bengel
passen nicht in deinen Sack,
und die ausgewachs'nen Bengel
passen nicht in deinen Sack.

Wenn ich Flocken tanzen seh,
zuckt es in meinen Beinen.
Ist die Welt dank frischem Schnee
mit sich selbst im Reinen.
Und was unter'm Schnee geschieht,
das passiert im Dunkeln.
Schön, dass man nicht alles sieht,
wenn der Schlitten Spuren zieht.

Ruprecht halt die Zügel gut.
Lass' deinen Schlitten sausen.
Klares Auge, kühles Blut
und die nöt'gen Pausen,
dass man sich verschnaufen kann.
Sieh in allen Räumen
's Spielzeug für manch kleinen Mann,
sieh auch das der Großen an.

 

Von einem dicken Pelz gewärmt, mit leuchtenden Augen, im Bart vereiste Schneekristalle, so gefällt uns das Bild des Ruprecht. Er lenkt seinen Pferdeschlitten durch eine stets traumhaft schöne Winterlandschaft. Wer jemals von diesem Rausch des dahinsausenden Schlittens beseelt und von ihm eingefangen wurde, der weiß, dass die heutigen Musiker recht haben, wenn sie diese Atmosphäre am liebsten mit Schlagzeug, moderner Orgel und Elektrobass nachzeichnen.

 

9. Schlittenfahrt

Schlittenfahrt auf blanken Kufen,
durch den Winterwald.
Wenn die alten Bäume rufen,
hat der Frost Gewalt.
Huscht der Schatten einer Fee,
hat die Spur von einem Reh
sich für ein paar Wochen Ewigkeit
fest eingegraben in den Schnee.
Schlittenfahrt auf blanken Kufen,
glitzert Schneekristall,
bis die Glocken heimwärts rufen,
alt vertrauter Schall.

Refrain:
Funkeln ew'ge Sternenbilder im verschneiten Tann,
will ich nach Haus, denn es ist Weihnacht dann.

Schlittenfahrt, die Flocken stoben.
Sprühend weiße Gischt
sammelt sich im Kragen oben,
pudert mein Gesicht.
Hüpft ein kleines Federkleid,
hat anscheinend keine Zeit,
sucht in blattlos kahlen Ästen
etwas Wärme und Geborgenheit.
Schlittenfahrt, die Flocken stoben,
kleben mir im Ohr.
Hör die Winde Lieder proben,
im geheimen Chor.

Schlittenfahrt, nach Haus solls gehen,
hab den Wind gefragt.
Er wird mir im Rücken stehen,
dass der Puls mir jagt.
Leichte Füße, unbeschwert.
Würzig duftet es vom Herd.
Zeigt die Uhr zweitausend Jahre rückwärts
einen aktuellen Wert.
Schlittenfahrt, nach Haus solls gehen,
halt' den Gruß bereit,
wo die Türen offen stehen,
wie zur Kinderzeit.

 

"Will ich nach Haus, denn es ist Weihnacht", warum mag die Verknüpfung dieser Empfindungen so tief sitzen? Weihnachten und damit verbunden Heimweh. Vielleicht hat diese "Gefühlskombination" ihre unbewusste Ursache in den damaligen Ereignissen. Sie fanden ja in der Fremde statt, unter Umständen, die um etliches anders waren als man sie sich wünscht. Und Josef trug für ausnahmslos Alles die Verantwortung. Zwar macht er nicht viel von sich reden und erscheint daher in unseren Weihnachtsgeschichten eher als Randfigur. Für mich jedoch ist er eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Geschehens, ein kräftiger Handwerker, der zupacken konnte, mit rauen Händen und gesundem Verstand. Wie ist das eigentlich bei einer Geburt? Was ist da zu tun? Wahrscheinlich wusste er nicht allzu viel darüber. Wie beruhigend, dass ganz in der Nachbarschaft Hirten lagerten, wetterfeste Männer, wie er selbst harte Arbeit gewöhnt. Auch ihre Hände glichen den seinen. Man verstand sich auf Anhieb. Josef hatte seine Sorgen, große Sorgen, wie wir wissen. Lassen wir nun ihn drei Lieder singen, drei Lieder, die so unterschiedlich sind, wie Lieder nur sein können. Vielleicht spiegelt ihre Verschiedenartigkeit ein wenig von dem Wechselbad seiner Gefühle wieder. Zunächst einmal greift man immer auf das zurück, worin man sich sicher weiß, was man beherrscht. So erweist Josef sich im ersten Lied als fachkundiger Zimmermann, dessen Anspannung sich gelegt hat, seit er Mutter und Kind wohlauf sieht.

 

10. Schlaft gut, ihr Beiden

Das Holz ist kräftig, wenn auch roh.
Ich kann es etwas glätten.
Dir meine Jacke, ihm das Stroh,
so mache ich euch Betten.

Refrain:
Schlaft gut, ihr Beiden, es ist ja Nacht.
Schlaft gut, ihr Beiden, ich bleibe wach.

Das Holz ist kräftig, junges Grün,
mit Duft von Ewigkeiten.
Dir soll es einmal besser geh'n.
Mein Kind lass' dich nur leiten.

Vom Holz - das weiß der Zimmermann -
lässt sich so manches lernen.
Drum meine Bitte, kleiner Mann,
führe mich zu deinen Sternen.

Nur keine Angst, die Krippe hält.
Schau die gekreuzten Balken.
Sie trägt so viel wie's dir gefällt
und wird noch manches halten.

 

Nun Josef aus seiner Situation als Gefährte der Frau, die er liebt.

 

11. Und es geschah

Und es geschah, wir mussten geh'n.
Ich hab dich geführt nach Bethlehem.
Dich, die Gefährtin sah ich bloß
und auch das Kind in deinem Schoß.
Und es geschah, ich sorgte mich,
Da hatte die Welt kein Bett für dich.

Und es geschah, für dich war's Qual.
Als Herberge diente uns ein Stall,
wo kalter Wind durch Ritzen blies,
wo man uns froh willkommen hieß.
Und es geschah, die Esel hier,
sie gaben als einz'ge gerne Quartier.

Und es geschah, und ich verstand,
es war an der Zeit, hielt deine Hand.
Aus etwas Stroh bestand dein Bett.
Wär'n wir doch nur in Nazareth.
Und es geschah, dass ich zur Stund
ihm keine Wiege zimmern konnt.

Und es geschah, in dieser Nacht,
hast du dein Kind zur Welt gebracht.
Hier meine Hand, sie war für euch da.
Niemals zuvor war'n wir so nah.
Lass dem Kind, es ist ja dein,
Maria mich ein Vater sein.

 

Das dritte Lied singt ein frisch gebackener Vater, der gerade dabei ist, seine Gefühle in einen eindeutig neuen Abschnitt des Lebens einzusortieren - nie gedachte Situationen, eine für ihn völlig unbekannte Welt kennen zu lernen, von deren Existenz er bislang nur ahnen konnte.

 

12. Deine Welt ist der Frieden

Schlafe gut, deine Welt ist der Frieden,
kuschelst dich in den Arm, der dich hält.
Leben beginnt, ich sage danke mein Kind,
dass ich dein Frieden sein darf und auch deine Welt.
Wieso werden so nette Kinder wie du zu Erwachs'nen wie ich?
Richte dich bitte sehr nicht allzu streng nach mir,
doch lehne dich an. Ich halte dich.

Schlafe gut Kind. dein Atem geht ruhig.
So voll Frieden war meiner wohl nie.
Wie jenes Lied, das aus den Lüften herweht,
mit deinem Atem sich vereint zur Harmonie.
Es breitet sich aus auf dem Felde,
dass niemand die Stunden mehr zählt,
dirigiert meinen Sinn, greift zu den Sternen hin,
umfasst, wie mir scheint, die ganze Welt.

Schlafe gut, während ich nun den ersten
großen Teil deines Wegs für dich geh.
Spürst du den Wind? Ich hoffe für uns mein Kind,
dass mein Schritt beschattet wird trotz Eis und Schnee.
Vielleicht siehst du in ein paar Jahren
dies Wegstück in strahlendem Schein.
Und wenn die Richtung nicht ganz deinem Sinn entspricht,
wirst du mir hoffentlich verzeih'n.

 

Dem ganz eigenen Zauber jungen Lebens kann sich wahrscheinlich niemand entziehen. Deshalb auch sind Blumen so beliebt. Kennen Sie den nahezu in Vergessenheit geratenen Brauch der Barbarazweige? Wir fünf Kinder schnitten sie am 4. Dezember, kleine Zweige von Obst- oder gar Mandelbäumen, mit einigen wenigen Knospen daran. Die nahmen dann einen bevorzugten Platz ein im Wohnzimmer und ragten aus der jeweils schönsten Blumenvase des Haushaltes heraus, die im Zusammenleben mit uns das letzte Jahr überdauert hatte. Ich glaube, es war alljährlich eine andere. In den Zweigen aber lag ein Zauber, der zur Geburtsstunde in der heiligen Nacht alle Knospen öffnete und die schönsten Blüten in nie gekannten Farben leuchten ließ.

 

13. Barbarazweige

Die Barbarazweige blühen schon,
grad wieder zur heiligen Nacht.
Seit heute liegt Schnee auf dem Balkon,
Kristalle im Glitzern erstarrt.
Komm mein Kind, das Glöckchen ruft.
Hier im warmen Zimmer
liegt von Bienenwachs ein Duft
und ein Kerzenschimmer.
Gib du mir Gefährtin, deine Hand,
und lass uns gemeinsam versteh'n,
warum jenes Licht die Welt umspannt
und Barbarazweige jetzt blüh'n.

Ein Hauch, der die Flocken schweben lässt,
hält sich nun für Wochen bereit.
Mein dünner Kalender zeigt den Rest,
endgültig verflossener Zeit.
Komm mein Kind, wir wollen die
Weihnachtsfreude teilen,
zu Geschenk und Harmonie,
und Besuchen eilen.
Maria und Josef waren doch
an Weihnachten auch nicht zu Haus.
Und Barbarazweige blühen noch,
ein bunter, lebendiger Strauß.

Die Jahre verwelken still im Wind,
wie Festtage kommen und geh'n.
Seit langem schon kann das früh're Kind
auf eigene Kinder seh'n.
"Kommt zu uns, ihr habt genug
Platz im alten Zimmer.
Kommt heut' alle zu Besuch.
Hier ist es wie immer.
Ich weiß, ihr habt selber Lichterpracht,
lasst hunderte Kerzen erglüh'n.
Doch werden bei uns zur Weihnachtsnacht
die Barbarazweige stets blüh'n."

 

Vielleicht ist Ihnen das erste Lied noch in Erinnerung. Sein Refrain endet mit den Worten "und es funktioniert der Stern." Der Satz erlaubt mehrere Deutungen. Ich meine den Stern in unerreichbarer Ferne, der als fester Punkt alles überstrahlend in sein Licht taucht, unbeeindruckt von allem. Er also funktioniert! Den Schlusspunkt soll ein Abendlied setzen. Wieder geht es um das alte Thema, um die alten Themen der Weihnacht. Zusammengefasst: um das Licht eines Sterns, des einen Sterns.

 

14. Und silbern vergießen die Sterne

Und silbern vergießen die Sterne
ihr sanftes Licht in die Nacht.
Nun ist, und hier bin ich so gerne,
ein Feuer der Liebe entfacht.
Ein Fegefeuer, es reinigt,
besucht uns ein trunkener Geist,
wenn flackernde Wärme vereinigt,
verbindet zu höherem Kreis.

Refrain:
Habt Dank, denn ich müsste gestehen,
was euere Nähe vermag.
Wie schade, ich muss langsam gehen,
denn all zu alt wurde der Tag.

Wie mächtig die Lieder der Glocken
sich legen auf Dächer und Stadt,
auf Wunden und wirbelnde Flocken,
sich setzen in ein Notenblatt.
Ihr Lied wird tauen und wärmen,
auch wo eine Seele erfror.
Wer trägt jenen Ton zu den Sternen
und holt seinen Zauber hervor?

Gemeinsame Lieder verbinden.
Es schmelzen Grenzen wie Eis
aus Starrsinn und anderen Gründen,
die oftmals schon niemand mehr weiß.
So weht frischer Wind in das Feuer.
Hell schlagen die Flammen empor.
In meinen Gedanken ein neuer,
von Träumen gesungener Chor.

Mein letzter Gedanke, der schweife
weit in die Zeiten zu dir.
Zu dir, den ich wohl nie begreife
und den ich doch niemals verlier.
Lasst uns zur Ruhe begeben,
den kommenden Tag zu verstehn,
mit ausgeruht taufrischem Leben,
ganz neue Wunder geschehn.

(c) 1989 GEMA BTS-Audio-Verlag - Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


zurück zur Seite Theo Floßdorf

Weihnachtsliederzyklus "Deine Welt ist der Frieden"

14 Lieder zur Weihnachtszeit mit verbindenden Zwischentexten

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de