Die Schöpfung des Mannes


Theo Floßdorf - November 1989

(Nach dem Märchen 176 "Die Lebenszeit" aus "Kinder- und Hausmärchen" 3. Band der Gebrüder Grimm.)


Aus der Schöpfungsgeschichte:

Als Gott die Vierbeiner machte, schuf er auch den Hund - es war etwa Viertel nach Sieben - und sprach zu ihm:

"Du bist ein Hund, der beste Freund des Menschen. Du sollst ihn beschützen und über die Güter des Menschen wachen. Du sollst in einer Ecke seiner Wohnung leben und dich von dem ernähren, was vom Tische des Menschen fällt, was er also übrig lässt. Ich will dir dreißig Lebensjahre schenken."

Der Hund antwortete: "Lieber Gott, das scheint mir aber ein ziemliches Hundeleben zu sein. Tag und Nacht ewig aufpassen und bloß das zu essen kriegen, was der Mensch mir übrig lässt, also quasi seine Abfälle. Wenn ich das richtig sehe, isst er dann das Fleisch und ich bekomme bloß die Knochen. Dreißig Jahre so zu leben, ist zu viel. Bitte nicht mehr als fünfzehn Jahre."

Und Gott sprach in seiner übergroßen Güte: "So sei es." Und es war so.

Dann erschuf Gott den Esel. Es war zwischenzeitlich zehn vor Acht geworden. Und er sprach zu ihm:

"Ich will dich mit starken Schultern ausstatten, denn du bist ein Esel. Du sollst dich von morgens bis abends abrackern und die schwersten Lasten tragen. Du sollst wenig intelligent sein und zu allem "ia" sagen. Sechzig Jahre sollst du leben."

Da entgegnete der Esel: "Das scheint mir aber ein schwerer Beruf zu sein, den du da für mich ausgesucht hast. Von Urlaub hast du auch nichts gesagt. Sechzig Jahre so zu leben ist viel zu viel, gib mir bitte nicht mehr als dreißig Jahre."

Und Gott sprach in seiner übergroßen Güte: "So sei es." Und es war so.

Dann musste der liebe Gott plötzlich lachen, weil er sich an einen alten Witz erinnerte, einen von zwanzig nach Sechs. Und wie er da so durch den Himmel lachte, erschuf er plötzlich den Affen, und er sprach zu ihm:

"Du bist ein witziger Bursche. Affe sollst du heißen und unverständliche Dinge reden, und Bananen sollst du essen, und Freude sollst du auf die Welt bringen. Du sollst die Menschen zum Lachen bringen und zwanzig Jahre sollst du leben."

Da sagte der Affe: "Ewig nur den Clown spielen, stelle ich mir gar nicht lustig vor, ha ha. Bitte gib auch mir nur die Hälfte, nicht mehr als zehn Jahre."

Und Gott sprach in seiner übergroßen Güte...
Ja jetzt wissen wir schon, was er sprach; er sprach nämlich:
"So sei es." Und es war so.

Sodann erschuf Gott den Mann. Und als er ihn fertig erschaffen hatte, gefiel der ihm ganz gut und er sagte zu sich selbst: "Lieber Gott", sagte er zu sich selbst, "Den hast du aber wirklich fein hinbekommen; der ist ja dein Meisterstück", sagte er zu sich selbst. Und zum Manne sprach er:

"Du bist ein Mann, die Krone der Schöpfung. Durch deine übergroße Intelligenz wirst du alle anderen Lebewesen beherrschen. Durch deinen Geist wirst du sie leiten; durch deinen Scharm und deine Schönheit wirst du sie für dich einnehmen. Sie werden an deinen Lippen hängen; sie werden dich bewundern und dankbar sein, wenn du ihnen gestattest, in deinem Dunstkreis zu atmen. Du sollst das weicheste Lager haben und die besten Sachen essen. Ich will dir zwanzig Jahre schenken."

Da sagte der Mann: "Oh lieber Gott, das hört sich wirklich alles ganz prima an. Vielen Dank auch. Mit dem weichesten Lager und so. Bloß das mit den zwanzig Jahren kommt mir ziemlich wenig vor. Gib mir doch z.B. noch die fünfzehn Jahre hinzu, die der Hund nicht wollte und die dreißig vom Esel und die zehn, die der Affe ausschlug."

Und Gott sprach in seiner übergroßen Güte...
Nein, diesmal sprach er etwas anderes. Der kann ja auch nicht immer das selbe sprechen. Das wäre ja langweilig.
Diesmal sprach Gott in seiner übergroßen Güte: "Na gut." Und es war so.

Und so kommt es, dass der Mann zwanzig Jahre wie ein Mann lebt. Dann heiratet er und bekommt Kinder und wird fortan fünfzehn Jahre wie ein Hund leben. Er beschützt seine Familie und hütet ihre Güter, lebt in einem kleinen Winkel der Wohnung und ernährt sich von dem, was die Familie übrig lässt.

Er wird sich dreißig Jahre wie ein Esel von morgens bis abends abrackern und die schwersten Lasten zu tragen haben. Zu allem aber, was seine Frau meint, wird er nur "ia" sagen.

Im Alter aber wird er seine Vorliebe für Bananen entdecken. Wenn er keine Zähne mehr hat, natürlich Bananenbrei; aber das dürfte einem intelligenten Menschen von selbst klar sein. Er wird unverständliche Dinge reden und Faxen machen wie ein Affe, um seine Enkel zum lachen zu bringen.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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