Aus der Familienchronik derer von Floßdorf

(Familienwappen Floßdorf)


Theo Floßdorf - zum 11. April 1997


Wie kann man doch so wunderschön,
wenn's in der Chronik aufgeschrieben,
den Ahnen auf die Finger seh'n
und nachgucken, was sie getrieben.
Da kommt etwa das Herz ans pochen,
für eine damals schöne Maid.
Man denkt kaum dran, dass ihre Knochen,
doch längst vergammelt mit der Zeit.
Die Floßdorfs sind 'ne alte Sippe,
was ich hier nur andeuten möcht';
die Frauen teils mit kesser Lippe;
die Männer haben immer recht.
Da gab's in unserer Familie
'nen Ahnherrn, der hieß Adam wohl;
der aß so gerne Petersilie
und liebte auch den Alkohol.
Er wohnte an 'nem schönen Plätzchen
und spielte Harfe Tag für Tag,
tat Minnedienst bei seinem Schätzchen,
und plätschernd floss um's Dorf ein Bach.

Das Dorf, ansich 'ne Obstplantage,
die hieß, ich glaube, Paradies.
Er kam verschiedentlich in Rage,
wenn seine Gattin Flöte blies.
Die Frau hieß Eva und war schrecklich,
denn sie war Vegetarier
und gab ihm Äpfel nur tagtäglich
und macht' ihm so das Leben schwer.
Er hätte gern' mal Reibekuchen,
'ne Bratwurst und ein frisches Bier.
Doch tat er noch so emsig suchen;
anhaltend blieb sein Kühlschrank leer.
Er griff zur Harfe, und er spielte
- denn er besaß noch kein Klavier -
und dann frohlockte er und schielte,
wie's Bächlein floss vor Dorf und Tür.

Dieses Adams erster Enkel,
saß mit der Harfe mal am Fluss
und sah am ander'n Ufer Schenkel
und untendran auch einen Fuß.
Ein Stück darüber noch desweit'ren,
sah er ein holdes Angesicht,
das tat die Sinne ihm erheit'ren.
Er kannte jene Dame nicht.
Sie rief ihm zu und war nicht prüde:
"Wie ist dein Korpus eine Zier.
He Fremder, sei doch nicht so müde,
und komm mal rüber, her zu mir.
Du schönstes aller Exemplare
der Männlichkeit, so stolz und fit.
Komm rüber Mann, wenn ich's dir sage;
doch bring die Harfe bloß nicht mit."
Er dachte bei sich: "Diese Süße,
sie hat mein Herz bezwungen prompt.
Doch krieg ich sicher nasse Füße;
drum ist es besser, wenn sie kommt."
Und kritisch sah er auf das Wasser
und wog die Harfe schwer dabei.
Es wurde, schien ihm, immer nasser,
wie's floss am Dorf und ihr vorbei.

Da tönt ihr holder Ruf schon wieder,
als lockendes Sirenenlied;
das fährt ihm just durch alle Glieder:
"Na gut, dann bring' die Harfe mit.
Komm endlich her zu meinen Pfründen;
wie kann man nur so dämlich sein?
Wir wollen 'ne Familie gründen;
vielleicht fällt mir auch noch was ein."
Das wühlt ihn auf. Er zupft die Saiten
und singt sein schönstes Liebeslied
und wundert sich, als sie von weitem,
eindeutig ihr Gesicht verzieht.
'Ne Brücke sucht er viele Stunden,
und auch kein Bötchen kam in Sicht;
denn beides war noch nicht erfunden,
und deshalb fand er es auch nicht.
Es war kurz vor den Spätnachrichten,
da nahm er Holz und legte los,
tat Baumstämme kreuzweise schichten,
und er erfand das erste Floß.
Dann tat er zu der Liebsten gucken,
da floss am Dorf des Wassers Macht.
Doch tat ihn das jetzt nicht mehr jucken,
denn er blieb trocken, wie gedacht.

In seine Arme flog die Dame
und hauchte: "Jetzt gehörst du mir.
Sag' schönster Mann, wie ist dein Name,
und hast du etwas Geld bei dir?"
"Ach Liebste mein, wie ich auch krame,
in meinen Taschen, im Verstand,
ich finde weder Geld noch Namen.
Ist das denn wichtig hier im Land?"
Im Standesamt, gleich um die Ecke,
kratzt der Beamte sich den Schorf:
"Als du gekommen, edler Recke,
uns sehr viel Wasser floss um's Dorf.
Drum sollst du eben "floss-Dorf" heißen;
ich finde diesen Namen nett;
und weil du mit 'nem Floß tust reisen,
schreibe ich "Floßdorf", mit "ß"."

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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