Warum es klug ist, klug zu sein


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Märchen" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2006.)


Es waren einmal zwei Könige. Deren Länder lagen nebeneinander; sie waren gleich groß, und der Himmel über beiden hatte die selbe Farbe. In jedem der Länder floss nur ein einziger Fluss, der dem ganzen Land Wasser gab. Die Flüsse aber kamen aus dem Lande des Kaisers. Auf dem kaiserlichen Palaste standen Wächter und schauten den Flüssen hinterher. Manchmal, wenn der Kaiser Lust dazu hatte, nahm er sein Fernrohr, stieg auf den Turm und schaute ebenfalls. Dann konnte er weit in beide Länder hinein blicken, und dann sah er alles, was die Könige taten.

Nun hatte es sich so ergeben, dass der eine König klug war; der andere aber war dumm.

Der kluge König kratzte sich am Kopf und überlegte: "Der Fluss ist ziemlich klein und hat nur wenig Wasser. Was tue ich bloß? Was tue ich bloß? Überdies ist das mit den Launen der Kaiser so eine Sache. Ich will mich nicht darauf verlassen, dass der Kaiser den Fluss immer in mein Land fließen lässt. Vielleicht steigt er eines Tages mit dem linken Bein zuerst aus dem Bett; vielleicht meint er eines Tages, dass meine Verbeugung vor ihm nicht tief genug sei; vielleicht hört er eines Tages, wie schön die Nachtigallen in meinem Lande singen. Wenn er dann aus lauter Ärger oder aus Neid den Fluss woanders hin fließen lässt, muss mein ganzes Land verdursten und verdorren. Was tue ich bloß? Was tue ich bloß?"

Der dumme König kratzte sich am Kopf und überlegte: "Der Fluss ist ziemlich klein und hat nur wenig Wasser. Aber ich brauche nichts zu tun, denn niemand durstet. Ich will mich mäuschenstill verhalten, dann schaut der Kaiser nicht hier her. Dann vergisst er vielleicht irgendwann den Fluss und mein Land, und wir haben immer Wasser."

Da machte der kluge König sich auf und ging durch sein Land, bis er an ein tiefes Tal kam. Das war so tief, dass der Kaiser es von seinem Palast aus nicht sehen konnte und seine Wächter ebenso wenig. In diesem Tal legte der kluge König einen großen, tiefen See an. Auch ließ er überall in seinem Lande, versteckt hinter Bergen und Hügeln, reiche Brunnen bohren, aus denen das Wasser sprudeln konnte. Und wenn es regnete, ließ er es in Zisternen sammeln. Alles zusammen aber ließ er in den großen, tiefen See fließen.

Da machte der dumme König sich auf und ging in sein Wohnzimmer. Zufrieden legte er sich behaglich auf das Sofa und tat ...nichts. Allerdings, wenn man es ganz genau erzählen will: ein bisschen tat er doch. Denn er sammelte hier und da etwas Regenwasser, das er aber bald wieder verbrauchte.

Als der kluge König sah, dass er viel Wasser hatte und seine Auen immer grüner wurden, da hörte er auf einmal, dass die Nachtigallen lauter sangen als früher. Und viel schöner sangen sie außerdem. Auch hörte man jetzt mehr Nachtigallen singen als sonst. Die waren von weit her gekommen, weil es im Lande des klugen Königs so schön war. Da freute der sich wahrhaft königlich. Und weil er sich so königlich freute, ließ er im ganzen Lande verkünden, er wolle eine königliche Schule gründen, in der alle jungen Nachtigallen das Singen auf rechte Art erlernen könnten. Wie man sich leicht denken wird, kamen daraufhin viele junge Nachtigallen zum Unterricht. Die sangen bald so lieblich und wundervoll, dass es nicht zu beschreiben war und auch heute noch nicht zu beschreiben ist. Manchmal sangen sie mit den Alten zusammen, und beinahe sangen sie noch schöner als diese.

Als der dumme König sah, dass viele Nachtigallen in seinem Lande längst nicht mehr jung waren, und als er hörte, dass ihre Stimmen nicht mehr so strahlend und lieblich klangen wie früher, da wurde er traurig. Da ließ er den Nachtigallen sagen, sie sollten überall nach Sängern suchen, besonders sollten sie nach jungen Nachtigallen Ausschau halten, die Lust hätten, mit ihnen gemeinsam zu singen. Das taten sie, und sie flogen im ganzen Lande umher. Aber es fanden sich nur wenige.

So hörte man zwar in beiden Ländern die Nachtigallen singen, aber es klang sehr unterschiedlich von einem zum anderen Lande.

War es nun so, dass irgendwann eine Dürre kam? Oder war es so, dass der Kaiser für seine Gemahlin einen Lustgarten mit vielen Springbrunnen anlegte? Man weiß es nicht mehr. Aber man weiß noch, dass eines Tages beide Flüsse versiegten und kein Wasser mehr in die Länder der Könige floss.

Da ließ der kluge König seine Brunnen sprudeln, so gut es ging. Und wenn irgendwo zu wenig Wasser war in seinem Lande, ging er zu dem großen, tiefen See und holte reichlich.

Da ließ auch der dumme König Brunnen bohren. Aber das Wasser tief in der Erde hatte sich längst angewöhnt, in das Land des klugen Königs zu fließen.

Noch heute ist man ziemlich durstig im Lande des dummen Königs, und die Kehlen sind trocken. Im Lande des klugen Königs aber singen die Nachtigallen vor Lebensfreude.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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