Umsteigehilfe


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Kurzgeschichte" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2005.)


"Nein, ich bin kein Bischof, sondern ich bin blind, und das ist mein Blindenstock." Ein kleiner Ruck nach hinten; jetzt stand der Zug. Schön, wie unkompliziert die Kinder alles fragen, was sie interessiert. Aber was ich von draußen hörte, war keineswegs schön. Ich zog die Augenbrauen zusammen. Presslufthämmer, ausgerechnet auf meinem Bahnsteig. In Gleis 3 sollten wir ankommen, und gerade hier wurde gebaut. Als sich die Türe öffnete, schlug mir der Lärm mit einer Keule ungebremst ins Ohr, hüllte mich vollkommen ein, deckte alles andere zu, machte mich doppelt blind. Da war hohe Konzentration gefordert. Drei Stufen, Bahnsteigkante, geschafft. Wie gut, auch bei diesem Lärm konnte ich meinem Stock vertrauen.

Zwei kleine Schritte vom Zug weg, aber was war das? Mein Stock fand ein Hindernis. Eine Holzlatte? Nein, es war sogar ein solider Zaun. Gott sei Dank, die Baustelle war gut abgesichert, also bestand keine Gefahr. Ich entspannte - für's Erste - vorsichtig, und ich horchte. Mindestens vier Presslufthämmer waren hier am Werke, wenn nicht fünf. Doch von den anderen Fahrgästen war rein nichts zu hören. Sicher standen sie längst auf der Rolltreppe oder schlängelten sich schon unten durch die Bahnhofshalle. Aber waren sie hier oben nach rechts oder nach links gegangen? Oh dieser Lärm!

Ich lächelte; einst hatte mein Großvater mir geraten, ich solle nie vom rechten Wege abkommen. Na schön, nach rechts also, doppelt blind, wie ich nun einmal war. Opa würde sich freuen.

Jetzt konnte ich sie zählen; es dröhnten nur vier Presslufthämmer.

Meine Finger nestelten am Kragen. Weiter ging es, den Bauzaun als Leitlinie nutzend. Ein paar wenige Schritte, dann legte sich unvermittelt aber wohl tuend eine Hand auf meinen Oberarm, und eine angenehme Bassstimme fragte dicht an meinem Ohr, nein, ansich schrie sie: "Kann ich ihnen irgendwie helfen?! Wo wollen sie denn hin?"

Gerettet! "Ich suche die Rolltreppe!", brüllte ich zurück.

"Das ist die andere Richtung; wenn sie meinen Arm nehmen möchten!..."

"Danke, gerne!"

Glück gehabt. Die Falten auf meiner Stirne verschwanden. Dieser Mann half nicht zum ersten Mal einem blinden Mitreisenden. Das merkte man gleich. Meine Linke bei ihm eingehakt gingen wir zügig Richtung Rolltreppe.

Es waren doch fünf Presslufthämmer, aber das war ja gleichgültig.

"Da sind wir. Ich bringe sie noch hinunter."

Ich winkte ab, vielmehr, ich versuchte, abzuwinken: "Das ist nicht nötig, danke, jetzt komme ich schon zurecht..."

Mein Einwand kam viel zu spät. Langsam, aber immer deutlicher, verminderte sich der Baulärm. Wir konnten uns jetzt bereits beinahe in normaler Lautstärke unterhalten.

"Fahren sie mit dem Zug, mit dem ich angekommen bin?"

"Ja, aber wie sieht das bei ihnen aus, werden sie abgeholt?"

"Nein, ich muss umsteigen. Sie könnten mir noch sagen; geht es hier unten nach rechts oder nach links zum Gleis 9?"

"Ein gutes Stück nach links; ich bringe sie schnell bis dort."

"Aber ihr Zug?..."

"Das ist kein Problem, der fährt erst in einer Minute." Der Mann hatte wirklich die Ruhe weg.

Ich legte etwas beschwörendes in meine Stimme: "Es ist ja wahnsinnig nett von ihnen, aber ich möchte auf keinen Fall, dass sie meinetwegen ihren Zug verpassen."

"Ach Unsinn." Der Bass blieb wohltönend. Er klang überhaupt nicht verunsichert.

Lautsprecher erzählten gleichzeitig von Wien, Paris, Mittenwald und Kopenhagen. Doch heute hatte ich keine Muße, in Fernweh zu schwelgen. Heute drängte alles zur Eile.

Ich versuchte es anders: "Sie kennen den Zug? Sicher hat er öfters Verspätung?"

"Manchmal - so, da sind wir, Gleis 9 sagten sie?"

"Ja, herzlichen Dank, sie haben mir wirklich sehr geholfen. Hoffentlich bekommen sie jetzt ihren Zug noch."

Er brummte gutmütig: "Wissen sie was? Ich sehe da oben ein ziemliches Gedränge, ich bringe sie noch rauf auf den Bahnsteig."

Er stand bereits auf der Rolltreppe und schwebte nach oben.

Ich blieb zwar freundlich, wurde aber im Grunde doch ärgerlich: "Sie, ihr Zug!..."

"Ach, hören sie doch endlich auf mit dem Zug", kam es zurück: "Der fährt nicht ohne mich. Ich bin der Lokführer."

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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