Trilogie über Tante Lu, die es in jeder Kirchengemeinde gibt

(Lu ist die Koseform von Luise)


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Satire" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2011.)


1. Tante Lu als Lektorin

Tönt der Kirchenglocken Bimmel,
kommen Brave und auch Lümmel,
was man dann sogleich versteht,
wenn man selber mal hingeht.
Zwanzig Leutchen. Und ich schätze,
ein paar hundert leere Plätze.
Doch staut sich des Volkes Menge
vor der Kirchtür, mit Gedränge,
dann weiß jeder gleich Bescheid:
Tante Lu liest Lesung heut!
Seht, da kommt die Dame schon
und schwebt gleich zum Mikrofon.
Spot an - - - kurzer Soundcheck - - - Stille -
lange Arme - - - doch die Brille.
Dann fängt sie zu lesen an,
weil sie's auswendig nicht kann,
derweil in den Kirchenbänken,
die Leute an was and'res denken.
In der letzten Bank - nanu,
klappt ein Augendeckel zu.
Jemand räumt die Nase aus.
Einer denkt an seine Maus,
an Fernsehn oder Sahnetorte.
Kein Schwein hört die heil'gen Worte.
Nur der Pfarrer, weil er muss,
der hält durch, bis ganz zum Schluss.
Die Zwei führen uns zum Himmel,
tönt der Kirchenglocken Bimmel.


2. (Allegro infernale)
- Tante Lu in der Frauengemeinschaft -

Tönt der Kirchenglocken Bimmel,
kommen Brave und auch Lümmel.
Auf dem Kirchplatz stehn sie rum,
und die Glocke, die macht Bumm.
Zusätzlich macht sie noch Bamm
und auch Bimm, so laut sie kann,
wackelt emsig mit dem Schwengel,
spielt ein Lied, gleich dem der Engel.
Denn es sind heut' Sonntagsglocken,
die uns von den Socken locken:
Aufpoliert, das Hütchen sitzt,
kommen Damen angeflitzt.
Um den Hals die schönsten Klunker,
geht's zum "Halleluja-Bunker",
wo ein Jeder - selbst 'n Biest -
für ein Stündchen heilig ist.
Tante Lu, wie man sie kennt,
schwimmt in ihrem Element.
"Grüß Dich liebste Freundin, spinks
unauffällig mal nach links.
Ist Charlotte nicht ‚n Pummel?
Und was trägt die bloß für’n Fummel.
Auch trüge sie, will mir scheinen,
besser Hosen - bei den Beinen.
Ach, sie scherzen frohen Blutes;
Wie man sehen kann, ein gutes,
gottgefälliges Gewimmel,
tönt der Kirchenglocken Bimmel.


3. Tante Lu im Kirchenchor

Tönt der Kirchenglocken Bimmel,
kommen Brave und auch Lümmel.
Heute gibt es Chorgesang,
was man dann auch hören kann.
"Singt bloß diesmal keinen Mist",
mahnt der Dirigent und liest
noch mal in den Noten rum.
Dann schaut er sich langsam um:
"Atmet tief! Zum Ohrenschmaus
laßt Eure Luft nach vorne raus".
Fröhlich öffnen sie die Zähne,
strecken Hälse lang, wie Schwäne.
Jubelnd klingt der Ton im nu,
und vorne an steht Tante Lu.
Sie erzeugt mit viel Gedröhne,
in dem Alt manch tiefe Töne;
während der Sopran die schweren,
hohen Töne muß gebären,
und dem Baß, von den Geräuschen,
tiefe wiederum entfleuchen.
Der Tenor, stabil gebaut,
jodelt sowohl hoch als laut.
Singt der Chor voll reiner Wonne;
in den Herzen scheint die Sonne,
daß man denkt, man wär’ im Himmel,
tönt der Kirchenglocken Bimmel.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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