Megastar Gaius Julius


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Szene" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2008.)

- Ein Lebensbild als Aktionthriller in fünf Akten
- hier: fünfter Akt: dritte und letzte Szene “Cäsars Tod”

Ensemblegröße: 6 Damen, 6 Herren

Die Personen im Einzelnen:
Hauptrolle: Cäsar (männlicher Darsteller)
drei Nebenhauptrollen: Brutus, Kassius, Kaska (männliche Darsteller)
zwei Soldaten (männliche Darsteller)
sechs Sklavinnen (weibliche Darsteller)

Bühnenbild: Nichts!
(Interner Hinweis für Regisseure: Um die noch völlig offene, quasi nicht ausgefüllte, also bislang unberührt-leere Psychologie der Szene darzustellen, hat die Bühne nackte Wände, keine Kulissen, keinerlei Ausstattung und ist in hellem Grau gehalten. So können später mit dem Blut farbenfrohe Effekte erzielt werden.)


Fünfzehn Sekunden Pause.

Dramaturgisch drückende Stille, die unversehens durch das Aufheulen eines hinter der Bühne vorbei rasenden "Formel 1-Wagens" entkrampft wird.

Von links betreten zwei Männer die Bühne. Sie sind an ihren alt-römischen Helmen als Soldaten zu erkennen. Sie tragen Turnschuhe und sind ansonsten nackt. Ihre Körper sind enthaart.

(Interner Hinweis für Regisseure: Die völlige Enthaarung verdeutlicht, dass die Beiden keine haarige Aufgabe zu erfüllen haben, wobei ihre Nacktheit die Lauterkeit ihres Handelns symbolisiert.)

Sie tragen gemeinsam einen schneeweißen Wäschekorb zur Mitte der Bühne und stellen ihn dort umgedreht ab, also mit dem Boden nach oben. Dazu pfeifen sie gut gelaunt das Lied:
   Als die Römer frech geworden,
   sim serim sim sim sim sim,
   zogen sie nach Deutschlands Norden,
   sim serim sim sim sim sim...
und verlassen, einen klassischen Rheinländer tanzend, die Bühne wieder nach links.
(Interner Hinweis für Regisseure: Mit dem Rheinländer und dem Lied geben sie Zukunftsvisionen Ausdruck in der Hoffnung, dass die “Colonia Claudia Ara Agrippinensium” noch zu ihren Lebzeiten gegründet werden möge, damit sie dort in der Stadtwache Dienst tun und die “dolce Vita am Rhein” mitbegründen können.)

Von rechts hinter der Bühne dringen Geräusche ans Ohr:
- Man hört einen Elektrorasierer und eine Toilettenspülung,
- eine Zeit später das Ding-Dong einer Haustürklingel
- und schließlich die sich öffnende Haustür.

Es entfaltet sich ein Dialog, wobei die Akteure noch nicht zu sehen sind:

Cäsar:
Was wollt Ihr denn so früh?

Sprechchor (Brutus, Kassius und Kaska):
Hi Cäsi, wir kommen Dich abholen.

Cäsar (brummig):
Sonst finde ich den Weg auch ohne die Eskorte Eurer Familia.

Sprechchor (Brutus, Kassius und Kaska):
Aber heute steht etwas Besonderes auf dem Programm. Du wirst schon sehen.

Cäsar:
Ich bin noch ganz kaputt. Calpurgia hatte ziemlich abgefahrene Alpträume. Mindestens 100 mal bin ich wach geworden.

Sprechchor (Brutus, Kassius und Kaska):
Nun komm schon! Vielleicht kannst Du ja im Senat noch ein bisschen dösen.

Vier Personen betreten von rechts die Bühne: Cäsar, Brutus, Kassius und Kaska.

Brutus:
Komm, zum Capitol Cäsi.

Dabei weist er zu dem Wäschekorb.
Cäsar schreitet gemessen hin und besteigt ihn mit Würde.

Kassius:
Heil Dir Cäsar, erster Konsul!
Hier auf dem Capitol nennen wir Dich natürlich nicht mehr “Cäsi”.

Die drei gruppieren sich im Halbkreis und schauen hoch zu ihm. Cäsar sieht sie der Reihe nach an. Sein Gesicht zeigt Mißbilligung.

Cäsar (knurrend):
Mir passt das nicht, wenn nur Leute aus Eurer Familia um mich herum stehen. Wo sind meine Freunde?

Ein SMS-Klingelton gespenstert durch das Theater. Cäsar nimmt sein Handy und äugt auf das Display.

Cäsar:
So ein Ärger, jetzt habe ich meine Brille vergessen; lies Du mal Brutus.

Er wirft ihm das Handy zu.

Brutus:
Hm, hier steht bloß: H D V D I D M !

Kassius:
H D V D I D M ? Das heißt wahrscheinlich: Hüte Dich vor den Iden des März!

Cäsar (nörgelnd):
Diese SMS's werden auch immer blöder.

Kaska:
Na, so sehr blöde ist gerade diese auch wieder nicht. Kein Grund, sauer zu sein. Was ist heute mit Dir los Junge?

Cäsar (ärgerlich):
Ach, wenn ich Euch so sehe, ewig dasselbe. Ich habe Euch schon oft gesagt, Ihr sollt mehr essen. Bei den fetten Diäten, die Ihr einstreicht und bei Euren Spesenabrechnungen wäre das doch drin. Merkt Euch endlich: Ich! will! fette! Männer! um! mich! haben!, nicht solche hibbeligen und dürren Heringe wie Euch.

Sprechchor (Brutus, Kassius und Kaska):
Das brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen!

Die Drei strecken ihre rechten Arme nach vorne, machen Fäuste und weisen mit abgespreizten Daumen nach unten.

Kassius und Kaska heben ihre Maschinenpistolen, die Cäsar bisher übersehen hatte, und sie feuern auf ihn.

Cäsar (auffordernd):
Auch Du mein Sohn Brutus!

Da hebt auch Brutus seine Maschinenpistole und schießt.

Cäsar:
Die Würfel sind gefallen.

Er bricht anmutig zusammen und fällt vom Wäschekorb. Mehrere Bäche seines Blutes malen kontrastreiche Muster auf den schneeweißen Korb.

Sprechchor (Brutus, Kassius und Kaska):
Die Familia siegt immer!

Sie verlassen wieder nach rechts die Bühne.

Von links betreten die beiden Soldaten die Bühne, stellen den Wäschekorb richtig herum, legen Cäsars Leiche hinein und verlassen mit ihm nach links die Bühne. Dazu pfeifen sie im Pianissimo das Lied:
   Arrividerci Roma.

Von der rechten, quasi der Patrizier-Seite her, tanzen sechs schwarze Sklavinnen auf die Bühne. Sie wischen in freier Choreografie das Blut auf und tanzen zur linken Soldatenseite hin von der Bühne.

(Interner Hinweis für Regisseure: Das - auf diese Weise - Wieder-Erscheinen des anfänglichen Bühnenbildes rundet die Szene ab.)

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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letzte Szene: Cäsars Tod (Satire)

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