Im Krähennest


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Ballade" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2007.)


Vom Stapel läuft das Schiff der Schiffe,
mit Sekt getauft und Jubelchor.
Dessen "Hurras" und Freudenpfiffe,
gellen der ganzen Welt im Ohr.

Zur Jungfernfahrt, zu höchster Ehre,
auf diesem Meer zum "Blauen Band",
als Denkmal jener Ingenieure,
die's unsinkbar erdacht, geplant.

Sein Bug gräbt mächtig in den Wogen,
stört deren ewigen Gesang.
Zur neuen Welt spannt es den Bogen.
Vom Krähennest aus wacht ein Mann.

Der schaut zur Kimm. Er weiß die Stelle,
zu der sein Schiff so kraftvoll zieht.
Sein klarer Blick sieht jede Welle,
doch meint er nur, dass er sie sieht.

Ein Augenfehler, schon seit Jahren,
mit Tunnelblick und Nachtblindheit.
Er selbst hat nie davon erfahren;
denn er sieht scharf, und er sieht weit.

Er sieht, wie ferne Wolken hasten,
stiebender Gischt sich blitzend sonnt.
Er liest die Wimpel an den Masten,
die auftauchen am Horizont.

Im Krähen-Log zeigt seine Seite
Präzision und Augenmaß.
Er sieht die Nähe und die Weite,
natürlich ohne Brillenglas.

Als spät die Nacht dem Nordatlantik
ihre Kapuze überzieht,
streift ihn ein Zauber von Romantik.
Er summt ein gutes, altes Lied.

Sieht Lichter fremder Schiffe, eben
aufleuchten nur; dann sind sie fort.
Sieht ein paar Nebelelfen schweben
und den Polarstern, steuerbord.

Vier Tage Flitterwelt, Geschmeide,
verwöhnte Passagiere, Pracht,
Champagner, vornehm kühle Seide -
und dann folgt wieder eine Nacht.

Tief schwarze Dunkelheit drückt schwer, wie
unheimlich ist der Ozean.
Nur backbord grüßen über's Meer, die
Lichter der Californian.

Ansonsten Dunkelheit, ein Ahnen,
vielleicht ein Schimmer oder zwei.
Es wehen ein paar Nebelfahnen
im Strahl der Scheinwerfer vorbei.

Der Mann im Krähennest hält Wache,
dass nichts vor seinen Bug gerät;
er schärft den Blick, ist bei der Sache
und - sieht den Eisberg viel zu spät.

Da wankt der unsinkbare Riese
und stolpert in den Untergang.
Der Wind, ob Sturm, ob leichte Brise,
klingt etwas höhnisch dann und wann.

 

Anmerkung des Autors:
Während der Unglücksnacht zum 15. April 1912 taten die Matrosen Fleet und Haze im Krähennest der Titanic Dienst. Es ist nicht belegt, dass einer von ihnen die Augenkrankheit RP (Retinitis pigmentosa) gehabt hat, oder dass gar beide Männer sie gehabt haben. Insoweit habe ich mir dichterische Freiheit erlaubt, die vor dem Hintergrund der vielen Titanic-Legenden zulässig sein mag. Immerhin hätte es so sein können.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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