Ein weiter Weg nach China


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Fabel" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2010.)


Am großen See, mitten im Wald, lebte eine Ente, die wollte goldene Flügel haben, denn sie war sehr eingebildet. Als sie noch klein war, steckten die Nachbarinnen ihre Köpfe zusammen und lächelten: "Wie goldig ist die Kleine doch.” Ihre Mutter nannte sie damals "mein Goldschätzchen", und ihr Vater sagte "Goldschnäbelchen" zu ihr. Das war lange her. Jetzt nannte sie niemand mehr so, denn inzwischen war sie gewachsen. Grau-braune Flügel hatte sie bekommen. Und die gefielen ihr nicht. Leider war sie nicht nur schrecklich eingebildet, sondern sie hatte eine weitere Eigenart: Sie quaakte nämlich den lieben langen Tag. Nur zuhören tat sie nie. Sie quaakte und quaakte und sprach dabei einzig von den goldenen Flügeln, die sie sicher irgendwann einmal haben würde. Sie hörte nicht ihrer Mutter zu, wenn diese ihr etwas über das Leben sagen wollte. Sie hörte nicht ihrem Vater zu, wenn er von den Jägern erzählte. Stets ging es nur: "Quaak, quaak, quaak." Inzwischen hatte sie sich bei allen Enten unbeliebt gemacht. Tagsüber quaakte sie von goldenen Flügeln und nachts träumte sie davon. Und sie dachte bei sich: "Wenn ich erst goldene Flügel habe, bin ich die schönste Ente am See, vielleicht sogar im ganzen Land, und dann werde ich Entenkönigin."

Nun hatte sie erfahren, dass in China alles und jedes gelb wäre. Gelb ist so ähnlich wie Gold, besonders, wenn die Sonne darauf scheint. Das kannte sie von einigen Fischen im See her. Bei denen war das so. Sobald diese im Sonnenschein schwammen, leuchteten ihre Schuppen wie reines Gold. Es hieß, in China würden die besonders feinen Leute - und vor allem der Kaiser - nur gelbe Kleidung tragen. Sogar die Haut der Menschen sei gelb. Dort wollte sie hin. Dort würde sie goldene Flügel bekommen.

Aber niemand konnte ihr den Weg nach China sagen, nicht ihre Mutter, nicht ihr Vater und auch nicht eine der anderen Enten. Alle kannten sie nur ihren See. Und alle sagten sie: “Ach gib doch endlich Ruhe mit deinem Gequaake von goldenen Flügeln!”

Eines Tages fragte sie die Gans, die schon weit herum gekommen war. Aber die Gans lachte sie aus: "Von einer Ente mit goldenen Flügeln habe ich noch nie gehört. Und den Weg nach China weiß ich nicht. So weit bin ich nie geflogen." Da fragte die Ente: "Hast du denn auf deinen Reisen nie etwas von China gehört?" "Ja”, zögerte die Gans: "Gehört habe ich von China. Dort soll es sogar einen gelben Fluss geben. Ich vermute, wenn du in dem baden könntest, würden deine Flügel vielleicht gelb und im Sonnenschein golden glänzen. Aber wie willst du mit deinen klitzekleinen Flügeln einen so weiten Weg machen?” “Ich gebe mir eben Mühe”, antwortete die Ente großspurig: “Wenn man sich nur richtig Mühe gibt...” “Schau mich doch an”, fiel die Gans ihr da ins Wort: “obwohl ich riesengroße Flügel habe, war ich noch nie dort.” “Trotzdem, wie ist denn der Weg nach China und zum goldenen Fluss?" fragte die Ente, "In welche Richtung muss ich fliegen? Ich will die goldenen Flügel nämlich unbedingt.” “Ich weiß es wirklich nicht”, schnatterte die Gans ärgerlich: "Warum fragst du immer weiter? China ist sehr weit weg. So weit ist noch nie ein Vogel geflogen!"

Da kam ein Schmetterling vorbei, der hieß Zitronenfalter und hatte leuchtend gelbe Flügel. Sogleich sprach die Ente ihn an: “Quaak, du Schmetterling mit den goldenen Flügeln, eigentlich will ich nach China, weil ich dort goldene Flügel bekommen möchte, aber niemand weiß den Weg. Sage mir doch, woher du so schöne goldene Flügel hast.” "Gelbe Flügel hatte ich schon immer", antwortete der Zitronenfalter: “Meine ganze Familie hat solche Flügel." Da fragte die Ente: "Kannst du mir etwas von deiner Farbe abgeben?” Doch der Schmetterling sagte: “Papperlapapp, was bildest du dir denn ein, mein Gelb haben zu wollen? Ohne das wäre ich ja kein Zitronenfalter mehr. Und überhaupt, quaake nicht so ein dummes Zeug.” Mit diesen Worten flog der Zitronenfalter weiter.

Die Ente schaute ihm hinterher und sah dabei einen Strauch. An dem blühten in dichten Trauben tausend goldene Glöckchen. Der Strauch hieß Goldregen. Er war wunderschön. Da bekam die Ente große Augen und sprach ihn an: “Quaak, du Strauch mit den tausend goldenen Glöckchen, eigentlich will ich nach China, weil ich dort goldene Flügel bekommen möchte, aber niemand weiß den Weg. Sage mir doch, woher du so schöne goldene Glöckchen hast.” "Die wachsen jedes Jahr an mir”, antwortete der Goldregen: “Meine ganze Verwandtschaft hat solche Blüten." Da fragte die Ente: "Kannst du mir etwas von deinem Gold abgeben?” Der Goldregen zog zwar die Stirn kraus, aber er antwortete freundlich: “Meinetwegen nimm dir von meinen hinunter gefallenen Blüten, so viele du möchtest.” Das tat die Ente und legte die Blütenblätter auf ihre Flügel. Es sah sehr apart aus. Doch sobald sie die Flügel ausbreitete und fliegen wollte, fielen alle Blütenblätter zu Boden. “Vielleicht”, überlegte die Ente: “Wenn ich die Blüten esse, vielleicht werde ich dann von innen her golden…” Da empörte sich der Goldregen: “Das ist ja unglaublich. Meine Blüten willst du essen, du eingebildeter Watschelvogel? Weißt du dummes Ententier denn nicht, dass meine Blüten giftig sind und dass du sterben müsstest?”

Enttäuscht schaute die Ente sich weiter um. Plötzlich summte es an ihrem Ohr. Eine Biene flog nah an ihr vorbei. Als sie genauer hinsah, erspähte sie viele Bienen. Die flogen von Blüte zu Blüte. Sie sammelten Nektar ein. Den brachten sie zu sich nach Hause und machten goldenen Honig daraus. Die Ente folgte ihnen. Als sie beim Bienenstock angekommen war, reckte sie ihren Hals weit nach oben und rief hinauf: “Quaak, ihr Bienen mit dem goldenen Honig, eigentlich will ich nach China, weil ich dort goldene Flügel bekommen möchte, aber niemand weiß den Weg. Gebt ihr mir von eurem Honig, damit ich meine Flügel golden färben kann?” Doch die Bienen summten böse und brummten: “Nein! Nur weil du so eitel bist und goldene Flügel möchtest, sollen wir hungern?” Sie flogen der Ente um den Kopf und zeigten ihre Stachel: “Der Honig ist unsere Nahrung. Sollen wir unsere Kinder hungern lassen, nur damit du schöner aussiehst?” Dazu summten und brummten sie besonders böse.

Die Ente wurde von Tag zu Tag einsamer, weil niemand sie mehr leiden konnte, nicht die anderen Enten, nicht die Gans, nicht der Zitronenfalter, nicht der Goldregen und nicht die Bienen.

Eines Tages kam der Jäger, schoss sie tot und verkaufte sie an ein Restaurant in der Stadt. Kurz danach wurde sie gold-gelb gebraten als Pekingente serviert. So war sie irgendwie doch - wenn auch nur ein kleines bisschen - nach China gekommen.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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