Die Schlichtheit des christlichen Glaubens


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Essay" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2009.)


Die Religionen der Welt stritten schon immer miteinander:
Schwert und Morgenstern, heilige Kriege, Halbmond und Kreuz, Tod und Teufel.

Aber genauso, wenn man nicht in die Vergangenheit blickt, sondern sich die Jetztzeit anschaut, fällt einiges auf, was sicher nicht gottgefällig ist, was Gott kaum gefallen wird.

Schon, wenn man - in unserem christlichen Abendlande - ausschließlich diejenigen Religionen betrachtet, die sich unmittelbar auf Christus berufen, erblickt man bei Meinungsverschiedenheiten so manches Unchristliche.

In Nordirland sterben nach wie vor Katholiken und Protestanten...

Von den Führungsetagen der Weltreligionen werden allerdings inzwischen andere, menschenfreundlicher aussehende, subtilere Waffen in die Attacke geschickt. Diese schlagen jedoch keineswegs kleinere, leichter zu heilende Wunden.

Da analysiert der Oberhirte einer Weltkirche, dass die andere überhaupt keine Kirche sei, sondern lediglich eine kirchenähnliche Glaubensgemeinschaft. Da wird öffentlich für die "im Glauben irre geleiteten" Mitglieder einer anderen Glaubensgemeinschaft um geistige Erleuchtung gebetet.

Die Schriftgelehrten unserer Zeit - sie heißen etwa Religionswissenschaftler oder Theologieprofessoren - biegen und zerren oftmals in ihren Theorien an einer Vielzahl von einzelnen Wörtern herum. Damit füllen sie ganze Bücher oder zumindest voluminöse Dossiers. Manchmal nennen sie ihre eigenen Arbeiten "Traktat", die Arbeiten der anders denkenden allzuoft "Pamphlet".

Jeder von ihnen tut gerade so, als wüsste auch nur einer von ihnen die Wahrheit.

Im Gegenteil muss rein sachlich festgestellt werden, dass niemand authentisch Gottes Formulierungen kennt, nicht einmal authentisch die Formulierungen des Jesus von Nazareth.

Was wir kennen, ist die Bibel, das Buch der Bücher, die große Schriftensammlung, die sich nicht über den Intellekt erfassen lässt, sondern deren Geist sich dem Herzen mitteilt.
Auch in der Bibel sieht man "nur mit dem Herzen gut".

In den vier Evangelien - die als Hauptteil der Bibel gelten - finden sich einige bemerkenswerte, in ihrer Schlichtheit faszinierende Aussagen.

Beispielsweise liest man im Matthäus-Evangelium 11/25:
Zu jener Zeit sprach Jesus: "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast."

Ähnlich steht das im Lukas-Evangelium 10/21:
In dieser Stunde rief Jesus, vom heiligen Geist erfüllt und voll Freude aus: "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast."

Soviel zu den Wortklaubereien der Religionswissenschaftler, der Theologieprofessoren. Soviel auch zu manchen von ihren Theorien. Geoffenbart also ist es den schlichten Gemütern und ausdrücklich nur ihnen.

Der selbe Geist spricht aus Matthäus 18/3 mit den Worten:
"Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen."

Damit ist der erste Punkt dieses Essays deutlich geworden:
Die von Gott anvisierte Zielgruppe ist so, wie die Kinder sind. Eine überzeugendere Schlichtheit im Glauben ist kaum vorstellbar.

Zweitens zeigt sich die Schlichtheit des christlichen Glaubens darin, dass es im Prinzip nur ein einziges Gebot gibt, dem alle anderen Gebote untergeordnet sind: das Gebot der Liebe.

Dazu steht bei Matthäus 22/37 bis 22/40:
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten."

Die Vergleichsstelle im Markus-Evangelium ist 12/29 bis 12/31.

"Das ganze Gesetz samt den Propheten" kann nur heißen: restlos alles, Gesellschaft und Sozialordnungen, Finanzstrukturen und Politik, einschließlich aller Weissagungen und Zukunftsaussichten. Alles unterliegt dem Gebot der Liebe.

Kein riesiges Gesetzeswerk ist den Christen vorgegeben, sondern schlicht dieses einzige Gebot.

Wer das "o" in Gebot durch ein "e" ersetzt, ist beim Gebet, bei der Zwiesprache mit Gott selbst. Diese soll der Bibel nach nicht stattfinden in prunkvoll ausgestatteten Kathedralen oder anderen imposanten Bauten. Bei Matthäus 6/6 steht das so:
"Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater..."
Nach Matthäus 18/20 kann man noch eine oder zwei Personen mitnehmen in diese Kammer, wobei einem solchen, gemeinsamen Gebet besondere Kraft zugesichert wird.

Zum Beten selbst ist auch etwas gesagt. Es geht dabei ausdrücklich nicht um "viele Worte", um lange Litaneien. Nur ein einziges Gebet hat Jesus gelehrt; es ist ein ziemlich kurzes. Auch darin drückt sich die Schlichtheit des christlichen Glaubens aus.

Matthäus 6/7 bis 6/13:
"Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.
So sollt ihr beten:
Vater unser im Himmel. geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen."

Lediglich ein paar wenige Sätze in einem kleinen Zimmer, bei geschlossener Tür, so also sollen die Christen beten. Dazu, und nur dazu, hat Jesus aufgefordert. Eine ungeheure Kraft in wenigen, schlichten Worten.

Als Letztes soll daran erinnert werden, dass es nur eine einzige Sünde gibt, die nicht vergeben wird. Laut Matthäus, Markus und Lukas werden alle Sünden vergeben, nur nicht die gegen den Heiligen Geist.

Was das aber bedeutet, worin diese Sünde gegen den Heiligen Geist besteht, hat sich dem Autor trotz einiger Recherchen nicht erschlossen.

In der Zusammenfassung belegen die ausgeführten Fakten:

- Es gibt nur eine Gruppe von Menschen, denen Gott sich offenbart: die schlichten, nicht die hoch studierten.

- Es gibt nur ein Gebot: das der Liebe, alles andere ist Beiwerk.

- Es gibt nur einen Ort, an dem wir beten sollen: ein kleines Zimmer.

- Es gibt nur eine Art von Gebet, das erhört wird: ein ziemlich kurzes.

- Es gibt nur einen Gebetstext, den Jesus gelehrt hat: das Vaterunser.

- Es gibt nur eine Sünde, die nicht vergeben wird, die gegen den Heiligen Geist.

Kleiner, bescheidener, schlichter ist Glauben kaum vorstellbar.

Um das Thema abzurunden, sei an die besonders schlichten Umstände bei der Geburt Jesu erinnert.

Auch sie können Zeugnis sein für die Schlichtheit des christlichen Glaubens.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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