Der "blanke Hans" im Glück


Theo Floßdorf - September 2015

(Beitrag zur literarischen Gattung "Reportage" für die BLAutor-Herbsttagung 2015.)


Hochsommer: Ferienfreude auf der Nordseeinsel Juist. Zwei junge Mannschaften verteidigen ihre Sandburgen gegen die heran rollende Flut.

Juist gilt unter Kennern als "die schönste Sandbank der Welt". Das ostfriesische Töwerland (Zauberland) ist Austragungsort für ein großartiges Spaßturnier und verzaubert dabei alle. Heino hat dazu eingeladen. Er ist in dritter Generation der Wattführer von Juist und mit den Gezeiten vertraut wie kein Anderer. Ihn kennt hier jeder, jeder Insulaner und jeder Urlauber. Heute führt er nicht ins Watt, sondern betätigt sich auf der Seeseite als Spielleiter.

Rund 60 Kämpfer fiebern vor Tatendrang, der älteste zählt vielleicht 15 Jahre. Und noch einmal doppelt so viele Zuschauer sind da. Eltern und Geschwister, Omas und Opas. Heino weiss, bis wohin die Flut kommen wird und geht noch einige Schritte weiter hinaus. Knapp 200 Leute, aber kein Problem; seine Stimme trägt weit.
"Hier bleiben wir. Hier werdet ihr eure Burgen bauen und sie gegen den blanken Hans verteidigen. So heisst bei uns die Nordsee." Seine Augen leuchten. "Aber zuerst mal alle Zuschauer ein gewaltiges Stück zurück treten."

Der neunjährige Michael zeigt mit seiner Schaufel in die Ferne. "Wir müssen viel weiter raus gehen. Das Meer ist ja ganz, ganz weit weg."

"Nein ihr Helden! Genau hier baut ihr eure Wasserburgen. Aber zuerst brauchen wir zwei Mannschaften.”
Das geht schnell. Heino hat Routine.

Er grinst und hebt den Zeigefinger. "Spätestens in einer halben Stunde ist der blanke Hans hier. Wenn dann Eure Burgen nicht fertig und vor allem widerstandsfähig sind, werdet Ihr ein bisschen feucht werden . . . vielleicht sogar ein paar Tassen Salzwasser schlucken . . . vielleicht sogar ein paar Eimer. Vorsichtshalber jetzt schon mal guten Appetit."

Er markiert zwei nebeneinander liegende Ariale, jedes etwa 4 mal 3 Meter groß. "Das ist der Grundriss für Eure Trutzburgen. Und jetzt betätigt Euch als Schaufelknechte." Er zeigt einmal rundherum. "Genug Sand werdet Ihr hier irgendwo finden. Baut so hoch und so stabil, wie Ihr könnt. Also, den aufgeschaufelten Sand immer gut feststampfen. Dann hat der blanke Hans es schwerer, die Burg zu zerstören. Wer nachher als letzter Mann oder letzte Frau die Burg verlässt, ist mit seiner Mannschaft Sieger. Und jetzt: Los geht’s!"

Da lassen 2 mal 30 Schaufeln den Sand zu den Grundrissen fliegen. Der 14-jährige Dirk aus Recklinghausen legt ein bewundernswertes Tempo vor. Sein Vater ist Kohlenhändler und feuert ihn an. Er strahlt: "Der Junge soll mal das Geschäft übernehmen." Die knapp 4-jährige Ellen trifft bei fast jedem Wurf die Beine von Hubert, einem schwäbischen Gymnasiasten. Der protestiert lachend: "Ei i bin doch kei Sandmännle!" Die Stimmung ist großartig, das Arbeitstempo enorm.

Eine Viertelstunde später erreichen die ersten Ausläufer vereinzelter Wellen die Sandburgen. Sie lecken am Rand der Befestigungen. Ein paar Juchzer, denn einige Füße werden nass. Der Sand wird schwerer. Jedem ist klar, jetzt kommt es darauf an. Beide Mannschaften legen zu. In wahnwitzigem Tempo werfen die Schaufeln den nassen Sand. Das fordert Kraft. Anfeuerungsrufe der Zuschauer. Maria Schmitz aus Köln übertönt alles. "Jüppchen, so fix müsstes de mal den Jarten umgraben!" Die Burghügel sind inzwischen eineinhalb Meter hoch. Heino verteilt Ratschläge, oder sind es Kommandos? Egal, man folgt ihm. "Die Kleinen nach oben. Sie verteilen den heran fliegenden Sand gleichmäßig und stampfen ihn; der muss hart wie Beton werden. Die Deerns klopfen mit den Schaufeln die Burgmauern fest. Passt gut vorne auf! Da schwappen schon Wellen gegen die Burg. Die tragen euch den Sand davon. Wir brauchen ein paar beherzte Kämpfer, die sich dort als Wellenbrecher vor die Burgmauern setzen. Die dürfen aber nicht wasserscheu sein, sondern müssen die heranrollenden Wellen kaputt treten. Freiwillige vor!" Ein paar ganz Kleine werden von besorgten Müttern eingesammelt. Da hilft kein Protest.

Nicht lange danach ein völlig anderes Bild. Die Sandburgen sind zu Inseln geworden, von heran rollenden Wellen umspült. Heino ist rechtzeitig aufs Trockene gegangen und steht bei den Zuschauern. Die johlen und kommentieren die steigende Flut. Als Erste mussten die Wellenbrecher pitschenass ihre Posten wieder verlassen. Sie prusten und spucken noch immer. "Soviel Wasser kann kein Mensch trinken. Ein paar Eimer wären OK gewesen. Aber so was. . ." dann wurde der Sand von den Schaufeln gespült, ehe man werfen konnte. Jetzt stehen die Mannschaften tatenlos und abwartend auf ihren Burgen. Sie beobachten kritisch die steigende Flut. Einige desertieren und hüpfen Heino hinterher. Bald werden die Wellen hier oben ankommen. Ein Blick zur Nachbarburg. Hämische Rufe, wenn dort die Wellen höher schwappen. "Ihr werdet bald Atlantis spielen. Holt schon mal tief Luft!" Immer kräftigere Wellen rollen heran. Bis schließlich eine davon beide Sandburgen gleichzeitig überspült und Mann und Maus ins Wasser befördert. Aus allen Kehlen kreischen und lachen. Da ist keiner, der sich halten kann. Als das Wasser zurück läuft, sind nur noch zwei Hügel zu sehen. Die nächste größere Welle erledigt den Rest.

Kämpfer und Zuschauer halten begeisterte Manöverkritik. Filmsequenzen und Fotos werden auf IPhons begutachtet, teilweise auch ausgetauscht. Die 12-jährige Ayleen möchte wissen: "Wer hat jetzt eigentlich gewonnen?"
Heino lacht: "Na, wie immer, der blanke Hans. Schaut mal, wie schön er alles blank geputzt hat."

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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