Aus dem Tagebuch eines Rauhaar-Dackels


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "fiktives Tagebuch" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2013.)


23. Dezember

Mit Frauchen gehe ich morgens gerne Gassi. Als sie mich von der Leine ließ, habe ich bei dem großen Haus die Ecke herum wieder die Zeitung geklaut. Zu Hause gab sie mir zwei dicke Scheiben Fleischwurst.

Nachmittags hat Herrchen einen Baum ins Wohnzimmer gestellt. Aber Pustekuchen! Als ich ihn für das verwenden wollte, wozu Bäume da sind, ist Frauchen mit mir wieder Gassi gegangen...
Und das im Regen...
Und das, mit eigenem Baum im Wohnzimmer...

Auffallend verstimmt habe ich mich daraufhin in mein Körbchen begeben.


24. Dezember

Alle haben gebadet. Nicht einmal ich wurde verschont. Jetzt rieche ich wie diese eingebildete Wohlstands-Töle unserer Nachbarin, die ewig nach der Seife ihres Frauchens "duftet", wie sie das nennt. Pfui! Das werde ich beim nächsten Gassi gehen wieder ändern.

Nachtrag:

Leider war es nicht möglich, mich zu wälzen. Chantalle hat mich nicht von der Leine gelassen. Die war reichlich explosiv gelaunt. Sie wollte zu einer super geilen X-Mas-Party gehen, hat aber den Streit mit ihren Eltern verloren.

Derweil muss jemand im Wohnzimmer verrückt gespielt haben. Als ich rein ging, war alles mit Flitterkram verunziert. Kerzen brannten, und es roch nach vielem, aber nach nichts Interessantem.

Die Alten haben beide intensiv an Carsten herum gemeckert und ihm schließlich mit einem giftigen: "Frohe Weihnachten" den Computerstecker heraus gezogen.

Dann gab es Päckchen für jeden, eines auch für mich. Prima, es war ein Beiß-Knochen darin. Später hat niemand mehr auf mich geachtet. Sie alle waren in ihr Essen vertieft und somit quasi der Welt entrückt. Ich habe die Zeit genutzt, um aus dem gesamten Geschenkpapier aller Päckchen Konfettischnipsel zu machen.

Ach, der Tag war eigentlich doch ganz OK, nur, dass ich immer noch nach dieser Seife rieche.


25. Dezember

Heute hatte ich keine ruhige Minute. Es kam Besuch. Sich streicheln lassen ist ja nett, aber was zuviel ist, ist zuviel. Dieses dämliche am Schwanz ziehen, bin ich gewöhnt. Aber diesen blöden Onkel Hubert, der es besonders witzig findet, mir in die Ohren zu blasen, kann ich nicht ertragen. Sechs mal hat er das gemacht und sich dabei köstlich amüsiert. Tatsächlich hat er erst aufgehört, nachdem ich mit meinen Schneidezähnen seinen Mittelfinger erwischt hatte. Der kann vielleicht quieken! Dabei hat es nur ganz wenig geblutet. Frauchen war etwas sauer auf mich, aber Herrchen hat gegrinst. Das habe ich genau gesehen.

Himmel haben die riesige Mengen gegessen und getrunken. Immer lustiger und lauter sind sie geworden. Ich glaube, im Vorratskeller herrscht jetzt gähnende Leere. Hoffentlich ist noch von der Fleischwurst da!

Oh, dieser Lärm! Unangenehme Zeitgenossen, die alle gleichzeitig reden und keiner hört zu. Irgendwann haben einige beim Lächeln die Zähne so gebleckt, als wollten sie jemanden beißen.

Endlich schlafen alle und schnarchen, die Biertrinker am lautesten. Onkel Hubert liegt im Wohnzimmer auf meiner Couch. Um genau zu sein, meine ist es nur nachts. Tagsüber darf ich nicht hinauf. Aber wer soll mich nachts hindern? Wie auch immer, diesmal muss ich in meinem Körbchen übernachten.


26. Dezember

Will nicht endlich einer von denen wach werden? Ich muss dringend pinkeln. Ich hasse das, wenn die abends mehr Flaschen leeren, als ich zählen kann. Dann bin ich ihnen morgens immer gleichgültig, und meine Blase schwappt beinahe über. Ob ich dem "witzigen" Schnarcher auf meiner Couch mal in den Fuß zwicken soll? Zwar wäre Frauchen wieder sauer, aber Herrchen würde sicher grinsen.

Nachtrag:

Erledigt! Ich habe ihn nicht gezwickt, sondern einfach die Stehlampe umgeworfen, die von Frauchens Urgroßmutter. Ein riesiges Scheppern und Splittern. Alle sind wach geworden. Alle denken, Onkel Hubert mit reichlich Restalkohol wäre es gewesen. Er selber denkt das auch.

Frühstückshunger hatte keiner der Gäste. Sie sind gleich gefahren.

Herrchen ist mit mir Gassi gegangen. Zwar kennt der das mit der Zeitung nicht, weshalb es heute keine Fleischwurst gab, aber seitdem rieche ich nicht mehr nach Seife.

Inzwischen ist es Abend und alles schläft. Ich liege genießerisch auf meiner Couch.

Heute war ein schöner Tag!

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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