Rezension der Audiodeskription zu dem
Spielfilm "Der Glöckner von Notre Dame"


Theo Floßdorf

(Beitrag zur literarischen Gattung "Rezension" für die BLAutor-Herbsttagung 2016.)


Mit Audiodeskription bezeichnet man eine Filmbeschreibung für blinde und sehbehinderte Menschen.

In der Nähe hört man eine Kirchenglocke mit Schlagton c -1, und zwar alle drei Sekunden einen Glockenschlag. Zu ihr gesellt sich ein großer, gemischter Chor, der ein festliches "Ave Maria" intoniert. Nach 60 Sekunden geht der Chorgesang über in einen orchestralen Streichersatz, während noch zwei mal drei Glockenschläge zu hören sind, die nun im Sekundentakt klingen.
Dann fragt unvermittelt eine männliche Stimme: "Ich habe nie ein schöneres Aveläuten gehört; wer ist der Glöckner von Notre Dame?"
Worauf eine andere Stimme antwortet: "Quasimodo, Majestät."

Immerhin wissen wir jetzt, nach einer Minute und 56 Sekunden Spieldauer, dass hier wahrscheinlich der Historienfilm "Der Glöckner von Notre Dame" läuft und dass eine Majestät darin mitspielt. Mehr ist dem originalen Soundtrack des Films in den ersten beiden Minuten nicht zu entnehmen.

Ein mageres Ergebnis. Und ähnlich mager bleibt auch die weitere originale Tonspur des Filmes.

Wie wertvoll für Blinde und Sehbehinderte eine Filmbeschreibung ist, wird deutlich, wenn man den Worten des großartigen Hans Mittermüller lauscht, der während dieser zwei Minuten in seiner Audiodeskription folgende Zusatzinformationen gibt:

ich zitiere.

RKO Radio Pictures Film zeigt
"Der Glöckner von Notre Dame"
ein Film aus dem Jahr 1939
nach der Romanvorlage von Victor Hugo.

Auf vergilbtem Papier, golden umrahmt,
erscheinen die Namen der Darsteller:
Charles Laughton als Quasimodo
Cedric Hardwicke als Frollo
Thomas Mitchell als Bettlerkönig Clopinx
Maureen O’Hara als Esmeralda
Edmond O’Brien als Pierre Gringoire
Alan Marshal als Phoebus
Walter Hampden als Erzbischof
Harry Davenport als König Ludwig der Elfte XE.
Katharine Alexander als Madame de Lys
George Zucco als Prokurator beim Gericht
Fritz Laiber als alter Richter
Etienne Girardot als Doktor
Helene Whitney als Fleur de Lys
Minna Gombell als Königin der Bettler
Arthur Hohl als Olivier

Mit dem ausgehenden 15. Jahrhundert ging das Mittelalter zu Ende. Große Veränderungen bahnten sich in Europa an. Nach hundert Jahren Krieg herrschte in Frankreich endlich Frieden. Das Volk, unter Ludwig dem Elften schöpfte wieder neue Hoffnung und träumte von Fortschritt. Doch Vorurteile und Aberglaube standen dem Entdeckergeist des Menschen oft im Weg.

Durch ein geöffnetes Fenster:
der Blick auf die Kathedrale von Notre Dame,
ein gotisches Bauwerk mit zwei Türmen.

Drei Männer knien in einem Raum vor dem Fenster.
Sie haben die Köpfe gesenkt und beten.
Langsam stehen sie auf.
"Ich habe nie ein schöneres Aveläuten gehört; wer ist der Glöckner von Notre Dame?"
"Quasimodo, Majestät."

Soweit die ersten beiden Minuten der Tonspur mit Audiodeskription.

Diese Literaturverfilmung aus 1939 erzählt eine bewegende Geschichte Von der Macht des geschriebenen Wortes und der Buchdruckerkunst, von Liebe, Eifersucht, Verrat und Mord von Hexerei, Mitleid, Machtmissbrauch und grausam ungerechter Justiz,

Die Produktion gilt als Perle der Filmgeschichte. Eine Perle, die sich dem Kreis blinder Menschen erst mittels der Audiodeskription zeigt.

an genießt durch sie
- die prachtvolle Ausstattung des Films,
- die überzeugende historische Atmosphäre,
- die liebevollen Details
- und die darstellerischen Leistungen.

Man lässt sich entführen und taucht ein
in das Paris des späten fünfzehnten Jahrhunderts.
in ein Zigeunerlager vor der Stadt,
in ein Volksfest zur Wahl des Narrenkönigs
in den Hof der Wunder wo Blinde sehenh und Lahme gehen und wo man sehr leicht entweder gehängt oder auch verheiratet werden kanhn.
Man steht unter den Galgen
ist zugegen bei einer öffentlichen Auspeitschung
und steigt hoch auf den Glockenturm von Notre Dame"

Diese 116 Minuten werden dank der von Arte in Auftrag gegebenen Audiodeskription zu einem Erlebnis.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


zurück zur Seite Theo Floßdorf
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Rezension der Audiodeskription zu dem Spielfilm "Der Glöckner von Notre Dame"

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de