Vor die Kamera, auf den Bildschirm


Theo Floßdorf

(Beitrag zum Thema "Da wollte ich schon immer mal hin" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2015.)


Ins Fernsehen, da wollte ich schon immer mal hin! Bereits damals als Jugendlicher, bei wie vielen Shows mag ich mich beworben haben? Nie kam ich in die Auswahl. Nicht einmal bei “Deutschland sucht seinen intelligentesten Nachwuchs”. Meist war ich 5 Kilo zu dick, trug die falschen Turnschuhe oder verwendete zu selten Kraftausdrücke. Auch hatte ich den Verdacht, dass Mädchen bevorzugt wurden.

OK, lange her. Mein Gewicht ist seit Jahren kein Thema mehr. Jeden Tag laufe ich durch den Park, dann seit einiger Zeit über die neue Fußgängerbrücke, einmal rund um das Klosterwäldchen, über die Brücke zurück und wieder nach Hause. Rund drei Kilometer. Das bleibt nicht unbemerkt auf der Waage. Aber bei “Günther Jauch”, “Jörg Pilawa”, bei den “Leuchten des Nordens”, bei “DSDS” und “Schlag den Raab” konnte ich noch nicht landen.

Ob mit meiner Frisur etwas nicht stimmt? Beim Joggen hat man viel Zeit zum Nachdenken.

Vielleicht sollte ich mal ins Publikum zu einer der Shows gehen, bei denen Leute aus den vorderen Reihen auf die Bühne geholt werden. Da sollte es mir doch gelingen, auf den Bildschirm zu kommen.
Wenn ich mir vorstelle, dass a l l e mich dann sehen würden. . .

Natürlich brauche ich ein paar angesagtere Klamotten für die neuen Bewerbungs-Fotos. Und eventuell doch eine andere Haarfarbe? Meine Augenbrauen sind OK. Aber ich muss unbedingt vor dem Spiegel üben, sexy in die Kamera zu sehen, so wie die Model-Typen das machen. Oder noch besser, Selfies!

Ja, so oder ungefähr so waren meine Gedanken bis heute Vormittag 10.45 Uhr und zwar ganz genau bis 10.45 Uhr. Denn seitdem ist alles anders. Alles!

Als ich nämlich zur neuen Fußgängerbrücke kam, stand dort ein riesiges Empfangskomitee, ein Rudel von Fotografen und Reportern, Journalisten von Funk und Fernsehen. Vor laufender Kamera überreichte der Landrat mir persönlich einen überdimensionierten Blumenstrauß und gratulierte mir als 10.000stem Überquerer der Brücke. Auch unsere Bürgermeisterin gab mir die Hand und ich weiß nicht, wer sonst noch alles. Ich war zum Schluss in einem richtigen Rausch und weiß wirklich nicht mehr, was ich den Presseleuten alles geantwortet habe. Aber das werde ich gleich ja hören.

Endlich:
18.50 Uhr
Fernseher einschalten
drittes Programm
Schlaglichter des Tages
Anmoderation
da, prima, gleich der erste Beitrag

Der Landrat mit Blumenstrauß voll im Bild -- wunderbar.
Schräg hinter ihm die Bürgermeisterin -- gut getroffen.

“Und so hat es sich als richtig, ja zukunftsweisend erwiesen, auch gegen den heftigen Widerstand der Opposition die neue Fußgängerbrücke zu bauen. Lassen Sie mich als Landrat dieses Kreises betonen, dass ich persönlich stolz bin auf dieses gelungene, einzig dem Allgemeinwohl dienende Projekt. . .”

Am linken Bildschirmrand sieht man ein Stück von meinem rechten Ohr -- von hinten.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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