Meine lang ersehnte Reise


Theo Floßdorf

(Beitrag zum Thema "Da wollte ich schon immer mal hin" für die BLAutor-Frühjahrstagung 2015.)


Viel zu selten nimmt man sich Zeit für die Wünsche seines Herzens. Dann tut man nicht die eigentlich wichtigen Dinge, sondern verbringt seinen Tag mit etwas, was Andere wichtig finden. Aber heute tue ich es. Heute endlich mache ich meine Reise. Heute ist der Jahrestag. Heute steht der Asteroid B 612 genau über uns. Zwar ist es weit bis zu ihm, und sehr hoch geht es hinauf. Trotzdem: Zu diesem kleinen Planeten, da wollte ich schon immer mal hin. Man darf niemals versäumen, die wichtigen Dinge zu tun, sie vielleicht deshalb nicht zu tun, weil es schwierig aussieht, oder sehr hoch oder sehr weit ist, bis man sie erreichen kann. Also mache ich mich heute auf zum Planeten B 612.

Jeder wird verstehen, dass ich meinen Körper nicht mitnehmen kann; er ist zu schwer für diese Reise. Aber meine Gedanken sind ganz leicht, meine Seele auch und ebenso alles, was tief in meinem Herzen wohnt.

Es ist vorteilhaft, wenn man seine Reisevorbereitungen sorgfältig trifft. Also nehme ich die Batterie aus der Haustürklingel, schalte mein Handy ab, fahre den Computer herunter, lege ein Tütchen mit Rosendünger zurecht und hole aus der Schublade eine Schnur. Diese Schnur muss auf dem Asteroiden B 612 so groß sein wie ein starkes Seil, mit dem man tagsüber ein Schaf mit Maulkorb anbinden kann, damit es keine Rosensträucher frisst. Dann hole ich das Buch vom kleinen Prinzen aus dem Regal und kuschele mich in meine Lieblingsecke auf dem Sofa.

Ich brauche das Buch gar nicht erst aufzuschlagen. Gleich draußen auf dem Umschlag ist er abgebildet, der kleine Planet. Da blüht die Rose und streckt ihre vier Dornen aus. Vor ihr im Gras sitzt ein Schmetterling. Links raucht ein tätiger Vulkan, von dem ich weiß, dass er dem kleinen Prinzen nur bis zum Knie reicht. Hinten rechts wachsen einige Affenbrotbäume.

Meine Augen verlieren sich in der Zeichnung. Sie schauen genauer hin. Immer tiefer dringt mein Blick vor, bis er verzaubert wird, bis er auch die verborgenen Dinge sieht. Der Planet ist kaum größer als ein Haus. Auf seiner anderen Seite - wenn ich mit wenigen Schritten um ihn herum gehen würde - ist jetzt Nacht. Dort sind noch zwei Vulkane, ein tätiger und ein erloschener. Tätige Vulkane sind sehr praktisch zum Kochen. Da steht auch der Sessel, den der kleine Prinz immer um einige Meter weiter rückt, wenn er an einem Tag 43 Sonnenuntergänge sehen möchte, weil er traurig ist. Wenn man nämlich traurig ist, liebt man Sonnenuntergänge. Dort blühen weitere Blumen auf der Wiese vor noch mehr Affenbrotbäumen, und ein paar Schmetterlinge schlafen im Sternenlicht.

Mein Blick geht wieder zu der Rose, über die ich im Buch des kleinen Prinzen so viel gelesen habe und zu ihren vier Dornen.

"Guten Tag Frau Rose", begrüße ich sie schließlich.
Sie schaut mich prüfend an. Ihre Stimme klingt ein bisschen förmlich, als sie antwortet: "Guten Tag mein Herr. Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?"

"Ich komme auf Besuch zu Ihnen. Mein Heimatplanet heißt Erde", gebe ich bereitwillig Auskunft.
Sie wirkt nicht direkt unfreundlich, aber doch ein wenig abweisend, als sie sagt: "Derzeit ist es bei uns ungünstig für Besuche. Der kleine Prinz ist heute früh mit einem Zug wilder Vögel abgereist. Also leben Sie wohl mein Herr, und Ihnen eine gute Rückreise."

So leicht lasse ich mich jedoch nicht entmutigen. "Das ist wirklich schade, gnädige Frau. Darf ich statt dessen Ihnen meine Aufwartung machen und mir erlauben, zu sagen, Sie sind wunderschön in Ihrer Blütenpracht und mit Ihren vier starken Dornen."
Verlegen hüstelnd senkt sie zwei Blütenblätter, während sie sich strafft. "Ach, ich bin derzeit ja ganz zerzaust. Wenn ich gewußt hätte, dass Sie zu Besuch kommen, hätte ich mich ein wenig zurecht gemacht. Nun hoffe ich, es geht auch so? Einigermaßen zumindest?"

"Keineswegs zerzaust Frau Rose", widerspreche ich bewundernd, "wie gesagt, Sie sind wunderschön in Ihren leuchtenden Farben. Die Tautropfen in Ihrer Blüte und an den Dornen glitzern und funkeln wie Edelsteine im Sonnenlicht."
Schnell blinzelt sie einige Tropfen weg und flüstert: "Der kleine Prinz ist irgendwo unterwegs. Er ist nicht mehr hier. Das macht mich sehr traurig."

Da weiß ich, dass es gar keine Tautropfen sind, die da glitzern, sondern Tränen.
"Wissen Sie mein Herr", flüstert sie weiter, "er hat mich begossen und für mich gelacht. Er hat mich gepflegt, ja sogar bei Nacht unter einem Glassturz geborgen. Er hat mich verwöhnt, als dürfte ich in einem 6-Sterne-Hotel wohnen. Und ich? Ich war so unfreundlich, so fordernd ihm gegenüber, dass er vor mir geflohen ist."

"Aber Frau Rose", sage ich behutsam tröstend, "der kleine Prinz kommt zurück. Ich habe sein Buch gelesen und weiß es daher genau. Er kommt nach einem Jahr wieder hier her, und er bringt ein Schaf mit. Aber Sie brauchen keine Angst vor dem Schaf zu haben. Es kann Ihnen nichts tun. Es schläft nachts in einer Kiste. Auch trägt es einen Maulkorb. Und ich habe ein starkes Seil mitgebracht, damit der kleine Prinz es tagsüber anbinden kann. Das Schaf soll nämlich die Sprösslinge der Affenbrotbäume fressen. Dann hat der kleine Prinz weniger Arbeit, weil er die Sprösslinge nicht mehr ausreißen muss. Sie werden sehen Frau Rose, es wird wieder sehr, sehr schön hier oben sein."
"Aber der kleine Prinz hasst mich", klagt sie, "er hat doch meinetwegen sogar seinen Planeten verlassen."

"Ja, so war es wohl", stimme ich ihr zu, "dennoch, der kleine Prinz hat viel gelernt, wenn er zurück kommt. Er vermisst Sie. Bei jeder Blume, die er unterwegs sieht, denkt er an Sie und daran, wie Sie für ihn geblüht und geduftet haben."
"Das weiß er noch?" fragt sie aufgeregt, "wie schön. Aber wird er mich jemals so in sein Herz einschließen können, wie ich ihn?"

"Ja bestimmt, Frau Rose", antworte ich, "er hat von einem Fuchs erfahren, dass man nur mit dem Herzen gut sieht und dass die wesentlichen Dinge für die Augen unsichtbar sind. Ich glaube, er liebt Sie."
Da strahlt die Rose mich an: "Sie machen mich sehr glücklich, lieber Herr, und Sie geben mir Mut. Danke!"

"Frau Rose", wechsele ich das Thema, "ich habe Ihnen ein kleines Geschenk mitgebracht. Es ist ein Tütchen mit Rosendünger. Sie könnten ab und zu einen Käfer oder eine der Raupen bitten, etwas an der Tüte zu knabbern, damit ein wenig des Düngers auf Ihre Wurzeln rieselt. Sie werden dann ganz besonders schön sein, wenn der kleine Prinz zurück kommt."
"Ohh. . . danke lieber Herr, ich glaube, Sie sind ein Rosenflüsterer", haucht sie flirtend.

Da räuspere ich mich etwas verlegen und beginne, mich zu verabschieden. "Liebe Rose, ich muss nun aufbrechen und mich leider auf den Rückweg zur Erde machen. Aber ich nehme Ihr Bild und die Erinnerung an Ihren Duft in meinem Herzen mit. Stets werde ich an Sie denken."

Dann neige ich mich vor, stecke meine Nase ganz langsam zwischen ihre Blütenblätter und atme ihren Duft ein. Ich spitze meine Lippen und gebe ihr einen ganz, ganz kleinen Kuss.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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