Liebe Mama, lieber Papa! (abendlicher Brief)


Theo Floßdorf

Zum Thema "Sensation" für die BLAutor-Herbsttagung 2003


               linkes Schlafzimmer
               in meinem Bett, abends

Liebe Mama, lieber Papa!

So, geschafft, jetzt schlafen die Beiden. Anscheinend hat sich der Schlaf-Wach-Rhythmus von Oma und Opa durch meinen Besuch verschoben. Zwar heißt es immer, alte Menschen würden nicht mehr so viel Schlaf brauchen. Aber meine Erfahrung ist da anders. Wenn ich mich schlafend stelle, nur kurz die Augen schließe und ein paar mal gleichmäßig atme, höre ich den Opa sehr bald schnarchen.

Nun habe ich ungestört Zeit, Euch zu schreiben.

Gestern Nachmittag guckten Oma und Opa immer wieder auf die Uhr, und dann behaupteten sie, ich wäre jetzt zwei Jahre, zwei Tage und zwei Stunden alt. Daraufhin haben sie sich ziemlich albern aufgeführt. Aber was sie mir dabei zu trinken anboten, war wirklich lecker.

Später lernte ich bei einem Einkaufs-Spaziergang drei Freunde der Beiden kennen. Ohne Überheblichkeit darf ich sagen, daß ich dabei einen gewissen gesellschaftlichen Erfolg hatte. Dann waren wir bei Rosi zu Besuch. Sie ist schon sehr alt, ungefähr wie Ihr, und sie hat zwei Jungen. Der eine könnte so ziemlich mein Typ sein, mal abwarten.

Heute Morgen bin ich recht früh wach geworden und habe gespielt, zuerst ganz leise und dann immer etwas lauter. Aber glaubt nicht, daß jemand darauf reagiert hätte. Ich habe mal gehört, daß es so etwas wie Altersstarrsinn gibt; ob sich das bei Oma und Opa so auswirkt?

Irgendwie ärgerlich, eine solche Situation. Man tut das ja nicht gerne, aber ich war gezwungen, eine Demonstration meiner stimmlichen Möglichkeiten zu geben. Sagen wir mal, ich habe etwa viertel Lautstärke gewählt; mehr wäre sicher zu Anfang übertrieben gewesen, und es ist ja auch gut, für den Fall der Fälle über eine gewisse Reserve zu verfügen. Es war eine gute Wahl. Opa kam, und dann war es noch ganz nett bei Oma und Opa im Bett.

Das hätte ich bald vergessen. Oma hat mir gestern nach dem Essen die Fingernägel geschnitten, eine Gemeinheit!

Laut Opa sollte heute das Mittagessen wieder lecker sein. Ich war in dem Punkt jedoch anderer Ansicht. Außerdem hätte Oma mir anschließend sicher wieder die Nägel geschnitten, wenn ich alles aufgegessen hätte. Das kenne ich ja schon von gestern.

Heute habe ich mir überlegt, daß ich meine Sanitärangelegenheiten nicht mehr auf dem Thron erledigen möchte. Deshalb habe ich mich zum ersten Mal auf die große Toilette gesetzt und dort gute Arbeit geleistet. Opa war ganz aus dem Häuschen, wie man so sagt. Die etwas überzogenen Glückwünsche waren mir beinahe peinlich; aber man darf sich das natürlich nicht anmerken lassen. Opa spricht sogar von einer Sensation, aber dem gefällt ja alles, was ich mache.

Mit ganz lieben Grüßen, Eure Tochter Jill

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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