Hörrausch/Jagdrausch


Theo Floßdorf

(Beitrag zum Thema "Im Rausch" für die BLAutor-Herbsttagung 2008.)


Die Schleiereule öffnete träge ihre Augen. Zunächst war es nur ein winziger Spalt, dann ein Blinzeln, doch schließlich - wenn auch zögernd - gingen die Lider weiter auf. Den ganzen Tag hatte sie geschlafen. Trotzdem, es wäre schön gewesen, noch ein bisschen zu dösen. Wie gerne hätte sie diesen Traum zu Ende geträumt. Da war nämlich ein Eulerich gewesen, sehr sympathisch, mit unglaublich schwarz-braunen Augen. Und die Farbe seiner Federn war zum Verlieben. Mit ihm gemeinsam hatte sie vorzüglich gespeist. Und neun Eier hatte sie gelegt, traumhaft. Und Mäuse waren da gewesen und ... Mäuse?! Ihr fiel ein, sie hatte Hunger.

Nun war sie hellwach. Sie setzte sich in ihre Maueröffnung. Die besaß sie noch gar nicht so lange, oben im alten Wasserturm. Im Gemäuer fehlten ein paar Backsteine, und dahinter lag ihre Wohnung. Sie hatte keine Lust gehabt, einen eigenen Horst zu bauen. Auch war ihr klar, dass keiner ihrer Bekannten selbst bauen würde. Alle wohnten sie lieber in Dachstühlen von Scheunen, in ausrangierten Greifvogel-Horsten oder in alten Krähen- und Elsternnestern. Dort konnte man ein bisschen auspolstern. Das reichte völlig.

Mit suchenden Augen schaute sie weit über ihre Felder und hin zu den Häusern. Doch heute Nacht war es derart dunkel, dass sie kaum etwas erkennen konnte. Das war äußerst selten der Fall. Dennoch würden die wenigen Sterne ausreichend Licht geben, zumindest genug, um die wichtigen Dinge sehen zu können. Mit ein paar Bewegungen lockerte sie ihre Flügel. Das tat sie immer, denn wenn die Federn ganz weich waren und im richtigen Winkel standen, konnte sie geräuschlos fliegen. Kein Beutetier hörte sie dann kommen. Da vorne der Schatten, das war der Kirchturm. Links zeichnete sich ihre Eiche gegen den Himmel ab. Dort war alles ruhig. Sie flog hinüber und machte es sich auf ihrem Lieblingsast gemütlich.

Dann begann sie, in die Runde zu lauschen und ihre Hauptaufmerksamkeit vom Sehen auf das Hören zu verlagern. Sie richtete ihren Gesichtsschleier so weit auf, dass die Schleierfedern einen Schalltrichter bildeten. Der fing selbst kleinste Geräusche ein, bündelte sie, verstärkte sie dadurch und leitete sie zu ihren Ohren. Bald schon gab es nichts anderes mehr auf dieser Welt, nur noch das Hören. Alles in ihr war Ohr, alles horchte. Doch kein einziger Laut war da, kein ... einziger ... Laut. Natürlich drängten die Geräusche der nahen Autobahn herüber; im Strom-Verteilerkasten an der Straße brummte es ohnehin Tag und Nacht; der nahe Bach plätscherte sein Lied, und das Flugzeug war auch nicht gerade leise. Aber etwas Wichtiges war eben nicht dabei. In der Hinsicht lag absolute Stille über dieser Nacht. Sie drehte den Kopf ein wenig; sie konzentrierte sich; sie richtete ihren Gesichtsschleier anders aus; sie scannte mit den Ohren die Umgebung ab. Zumindest drüben, in ihrem Weizenfelde müsste sich doch irgendetwas regen. Ein leichter Windhauch streichelte ihre Federn. Sie verhielt sich mucksmäuschenstill, weil sie dann am besten hören konnte. Die Nacht durchströmte sie, füllte sie aus und brachte ihre Botschaften mit. War da nicht ein schwacher Ton gewesen, fast unwirklich leise? Sie wendete den Kopf nach links, ganz weit, noch weiter, so weit, dass sie sich bequem von hinten über ihre rechte Schulter hätte sehen können. Aber sie wollte jetzt nicht sehen, nur hören. Ja, da war ein Geräusch. Sie drehte den Kopf hin und her, bis sie es mit beiden Ohren gleich laut hörte. Dann war alles klar. Dort war das Rascheln einer Maus, in - wie sie schätzte - ungefähr 65 Metern Entfernung.

Auf einmal begann ihr Herz, schneller zu schlagen. Sie spürte, wie sich Wärme in den Muskeln ihrer Brust ausbreitete, immer stärker wurde, noch weiter anschwoll, bis die Wärme zu heißem Jagdfieber gesteigert war. Wie stets in solchen Augenblicken versuchte sie, ihre Erregung zu dämpfen. Kühl und berechnend atmete sie durch. Mit geübter Bewegung plusterte sie ihre Federn auf, dass sie so weich waren, wie der Wind sie liebte. Sie breitete ihre Flügel aus, soweit es ging, und sie genoss die Frische der Nachtluft. Für einen geräuschlosen Flug waren vor allem die Außenfahnen der vordersten Schwungfedern wichtig; darauf achtete sie. Dann war sie in der Luft und wurde im niedrigen Fluge von ihrem Element getragen. Der Puls ging immer schneller. Das Blut wurde heißer. Die Jagd hatte begonnen. Mit kraftvollen Flügelschlägen steuerte sie ihr Ziel an, das Rascheln der Maus mit beiden Ohren fest haltend. Die Schleiereule steigerte ihr Tempo zu einem 65 Meter Sprint. Sie hielt ihre Fänge bereit, vor allem die beiden Krallen, mit denen sie die Maus schlagen würde. Immer deutlicher nahm sie ihre Beute wahr. Das Rascheln wurde lauter, und schon war auch das Trippeln kleiner Füßchen zu hören. Noch war sie nicht bemerkt worden. Völlig arglos trippelten die Füßchen ihre letzten Schritte auf dem Lebensweg. Dann war die nächtliche Jägerin heran, stürzte sich hinunter, und die Krallen taten ihre Arbeit. Blitzschnell war der Tod zu der Maus gekommen, aus vollkommen heiterem Himmel. Die Schleiereule verzehrte ihre Mahlzeit, während ihre Ohren nach interessanten Geräuschen suchten.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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