Das Märchen von den drei Glühwürmchen


Theo Floßdorf

(Beitrag zum Thema "Licht" für die BLAutor-Herbsttagung 2013.)


Es waren einmal drei Glühwürmchen. Sie waren Schwestern und hießen alle drei Lucie. Das ist bei Glühwürmchen ein besonders beliebter Name. Da sie jedoch sehr klein waren, wurden sie Luciechen genannt. So schön dieser Name auch war, man konnte die drei nie voneinander unterscheiden. Wenn die Mutter rief: "Luciechen, magst Du den Rest vom Schokoladenpudding naschen?", dann kamen alle drei flink in die Küche. Wenn die Mutter aber rief: "Luciechen, bring bitte mal den Mülleimer runter!", dann kam keines der drei und jedes tat so, als wäre es nicht gemeint gewesen. Ach diese Schlingel. . .!

Eines Tages sagte ihr Vater: “Damit muß es ein Ende haben. Ich will jedem von Euch einen eigenen Namen geben.” Es war nun so:
Wenn das erste Luciechen abends vor dem großen Busch in der Luft tanzte, dann sah sein Licht so aus, als würden tausend Sterne flimmern. Deshalb nannte ihr Vater es Flimmerchen.
Wenn das zweite im Dunkeln tanzte, dann sah sein Licht so aus, wie glimmende Holzkohle. Deshalb nannte er es Glimmerchen.
Wenn schließlich das dritte tanzte, schimmerte sein Licht so hell wie die Milchstraße hoch oben am Himmel. Deshalb nannte er es Schimmerchen.

Flimmerchen, Glimmerchen und Schimmerchen tanzten besonders gerne im Mondschein. Es sah sehr hübsch aus, wie es da fröhlich in der Luft umher flimmerte, glimmerte und schimmerte, wenn die drei tanzten. So hübsch, dass alle Tiere kamen und zuschauten.

Als Flimmerchen, Glimmerchen und Schimmerchen heran gewachsen waren, sagten sie zu ihren Eltern: "Wir sind jetzt groß und wollen in die Welt ziehen. Seid nicht traurig, denn wir kommen zurück. . . wenn es so weit ist." Dann machten sie sich auf ihre Wege. Flimmerchen flog nach links. Glimmerchen flog nach rechts. Und Schimmerchen flog nach unten auf die Wiese.

Flimmerchen flog viele, viele Meter weit nach links, bis es in das Land eines bösen Zauberers kam.

Der hatte allen Tieren ihre Stimme weg gezaubert. Die Hunde konnten nicht mehr bellen. Die Katzen konnten nicht mehr miauen. Und die Vögel konnten nicht mehr singen. Das war schlimm. Denn wie sollten sich jetzt zwei Hunde von weitem begrüßen? Wie sollte da noch ein Kater seiner Katze ein Liebeslied singen? Wie sollte nun eine Vogelmutter abends ihre Kinder ins Nest rufen?

Deshalb war alles mucksmäuschenstill, als Flimmerchen in dem Land des Zauberers ankam. Es fragte jeden, dem es begegnete, wie das käme, aber kein Tier antwortete ihm, so viele es auch ansprach. Da rief Flimmerchen ganz laut nach allen Seiten: "Will denn hier niemand mit mir reden?"

"Die können alle nicht mehr sprechen", pipste da plötzlich ein kleines Stimmchen. Es kam von einem Krabbelkäfer. Der erzählte dem Flimmerchen alles und sagte: "Als der böse Zauberer allen Tieren ihre Stimme weggezaubert hat, saß ich in einem Loch unter einem Stein. Deshalb hat der Zauber bei mir nicht gewirkt.”

"Oh weh", sagte Flimmerchen erschrocken: "Was können wir denn jetzt tun?"

"Leider können wir nichts tun", antwortete der Krabbelkäfer: "Der Zauberspruch für den Gegenzauber steht auf einem Birkenblatt, und das hat der Zauberer ganz tief unten in einen hohlen Baum gesteckt. Dort unten ist es derart dunkel, dass niemand den Zauberspruch lesen kann."

"Wenn das so ist, weiß ich Rat", freute sich Flimmerchen: "Wir tun folgendes: Wir gehen gemeinsam in den hohlen Baum. Ich leuchte dir und du kannst in meinem Licht den Zauberspruch lesen."

So machten sie es. Die Beiden krabbelten nach ganz tief unten in die Baumhöhle und fanden das Birkenblatt. Dann ließ Flimmerchen sein Licht so hell flimmern, wie es eben möglich war. Und der Krabbelkäfer las, so laut er konnte, was dort geschrieben stand:

"Simsalabim und bam und bum,
niemand bleibt für immer stumm.
Tonsalat und Wörterbrei,
aller Zauber ist vorbei."

Kaum hatte der Krabbelkäfer den Gegenzauberspruch vorgelesen, da hörte man die Hunde bellen. Die Katzen riefen: "Miau." Und die Vögel sangen ihre fröhlichsten Lieder. So freuten sich alle.

Flimmerchen aber dachte bei sich: Jetzt ist es so weit, nun will ich mich wieder auf den Heimweg machen, wie ich es den Eltern versprochen habe. . . wenn es so weit ist.

Das zweite Glühwürmchen, das in die Welt zog, war Glimmerchen. Es flog nach rechts und kam in das Land der Riesen.

Dort war in einem Berg eine riesengroße, pechschwarzdunkle Höhle. Aus der hörte Glimmerchen ein lautes, trauriges Gejammer. Es flog in die Höhle hinein, ganz tief und immer tiefer. An ihrem Ende saßen drei Riesen im Kreis um einen Haufen Holz herum und klagten und jammerten.

"Guten Tag liebe Riesen", sagte Glimmerchen: "Warum klagt und jammert ihr so traurig?"

Da antwortete der erste Riese: "Guten Tag Glimmerchen. Du hast es gut, denn du hast immer ein Licht dabei."

Der zweite Riese antwortete: "Unser Feuer ist ausgegangen. Wir haben keine Zündhölzer mehr. Darum ist es jetzt in unserer Höhle pechschwarzdunkel."

Und der dritte Riese antwortete: "Schrecklich kalt ist es auch. Ich friere riesig zitternd."

Da sagte Glimmerchen: "Stellt zwei große Spiegel so auf, dass sie sich gegenseitig spiegeln können."

Als die Riesen das getan hatten, ging Glimmerchen in die Mitte zwischen die zwei Spiegel. Da sah es so aus, als säßen dort Hunderttausend-Millionen von Glimmerchen, die alle leuchteten.

Dann stellten die Riesen eine Kerze zwischen die Spiegel und Glimmerchen setzte sich auf den Docht.

Nun glimmerte Glimmerchen so hell es konnte, dass es aussah, als würde der Docht der Kerze glimmen. Als aber einer der Riesen sich bückte und die Kerze vorsichtig anhauchte und der Docht wirklich anfing zu glimmen und schließlich zu brennen, da flog Glimmerchen schnell zur Seite, damit es sich nicht den Popo anbrannte.

Mit der brennenden Kerze konnten die Riesen ihr Feuer wieder anzünden. Da wurde es riesig hell und warm in der Höhle. So freuten sich alle.

Glimmerchen aber dachte bei sich: Jetzt ist es so weit, nun will ich mich wieder auf den Heimweg machen, wie ich es den Eltern versprochen habe. . . wenn es so weit ist.

Das dritte Glühwürmchen, das in die Welt zog, war Schimmerchen. Es flog nach unten auf die Wiese. Dort sah es unter einer Tanne eine kleine Tür. Als es hindurch ging, war es in dem Land der Zwerge.

Dort gab es eine große Aufregung, weil am Zwergen-Bahnhof kein Zug mehr hielt. Alle Züge fuhren und fuhren und fuhren immer weiter. Keiner hielt an. Niemand konnte mehr einsteigen. Niemand konnte mehr aussteigen. Kein Zwerg konnte mehr zur Schule oder in die Stadt zum Einkaufen fahren. Die Bahnschranken blieben andauernd unten und gingen überhaupt nicht mehr hoch.

Der Zwergenkönig war ratlos, weshalb er seine Berater rief. Die berichteten ihm: "Majestät, die Züge halten deshalb nicht mehr an, weil das rote Haltesignal am Zwergen-Bahnhof kaputt ist. Der Elektriker-Zwerg aber, der es reparieren könnte, liegt mit Bauchweh krank im Bett.”

Als Schimmerchen das hörte, nahm es aus der Zipfelmütze des Zwergenkönigs ein kleines Stückchen rote Seide. Das wickelte Schimmerchen um sein Licht und flog zu dem kaputten Bahnsignal. Dort setzte es sich hin und schimmerte, so hell es konnte. Schon bald hielt der erste Zug, denn der Lokomotivführer hatte das rote Licht gesehen. So freuten sich alle.

Schimmerchen aber dachte bei sich: Jetzt ist es so weit, nun will ich mich wieder auf den Heimweg machen, wie ich es den Eltern versprochen habe. . . wenn es so weit ist.

Als Flimmerchen, Glimmerchen und Schimmerchen sich zu Hause wieder sahen, erzählten sie ihren Eltern alles, was sie erlebt hatten. Dann tanzten sie, wie früher, fröhlich vor dem großen Busch in der Luft, dass es nur so flimmerte, glimmerte und schimmerte.

Plötzlich trat der Zwergenkönig hinzu und sagte: "Weil ihr allen so sehr geholfen habt auf euren Reisen, soll jedes von euch einen Wunsch frei haben. Was wünscht ihr euch?"

Da antwortete Flimmerchen: "Das Schönste, was wir besitzen, ist unser Licht. Ich wünsche mir, dass alle meine Schwestern stets ein so schönes, helles Licht haben, wenn sie es brauchen."

Glimmerchen sagte: "Ich wünsche mir, dass auch unsere Brüder ein Licht haben, nicht ganz so hell wie wir Schwestern, aber es soll auch schön sein."

Und Schimmerchen sagte: "Ich wünsche mir, dass einige von uns auch tagsüber leuchten können."

Da antwortete der Zwergenkönig: "Das sind gute Wünsche. Ich will sie euch gerne erfüllen. Gerade so soll es auf der ganzen Welt sein.”

Und so ist es bis auf den heutigen Tag.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


zurück zur Seite Theo Floßdorf
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Das Märchen von den drei Glühwürmchen

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de