Die Nacht zu Allerseelen


Theo Floßdorf

(Beitrag zum BLAutor-9-Wörter-Schreibwettbewerb 2011.
Die in den Text aufzunehmenden Pflichtwörter: Bauchtanz, Erdball, Feder, Honig, Marktplatz, Sinfonie, Spielstein, Vermögen und Wahnsinn.)


Jedes Jahr einmal, wenn der Kalender vom 1. zum 2. November wechselt, in der Nacht von Allerheiligen zu Allerseelen, werden die Tore des Fegefeuers geöffnet. Dann schwebt manch ein unruhiger Geist über den Erdball. In der Dunkelheit kaum zu erkennen, leicht wie eine Feder, wabert ein Hauch von Nebel durch die Stadt. Die Kastanienallee entlang tanzen Schleier eine unhörbare Sinfonie von Flamenco, Kasatschok, Bauchtanz und erotischem Tango. Dort, wo gelbes Licht wie Honig auf den Zebrastreifen klebt, lösen sie sich flugs auf und werden unsichtbar, um sich gleich dahinter wieder zu materialisieren. Dann tanzen sie weiter in ihrem Reigen, bis sie auf dem Marktplatz einander loslassen und Ecken suchen, in die sie huschen können. Für eine Nacht im Jahr kein Fegefeuer, ein Aufatmen gequälter Seelen, ein Spielstein in den Gesetzen der Ewigkeit.

Lieber Leser, zugegeben, es ist ein unsäglicher Blödsinn, den ich hier schreibe. Nie hat Jesus von Nazareth ein Fegefeuer erwähnt. Das Fegefeuer wurde erst im 6. Jahrhundert unter Papst Gregor dem Großen "erfunden". Im Mittelalter bauten katholische Machthaber den Gedanken weiter aus, um die Gläubigen einzuschüchtern. Manch ein Prediger begann damals, ähnlichen und schlimmeren Wahnsinn zu verkünden, ganz deutlich mit Blick auf die eigenen Finanzen. Da wurden Angst und Schrecken verbreitet und dank unzähliger Seelen-Freikauf-Summen märchenhafte Vermögen angehäuft.

Der Glaube versetzt Berge, wie man sieht auch Geldberge, aus den Taschen der Gläubigen auf die Konten der Kirchen.

(c) Theo Floßdorf / Bergheim (Rhein-Erft)


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