Nachschlag


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung im WDR)


Die automatische Tür gibt mir den Weg zum Café frei, aber ehe ich hindurchtreten kann, fasst mich jemand am Arm: "Komm, ich bring dich zum Platz." Oh nein, nicht der schon wieder, denke ich, lasse mich aber dennoch widerstandslos von dem Rentner führen, der nun erklärt: "Ich wollte gerade anfangen zu essen, aber als ich dich gesehen hab, dachte ich, komm, führ ich dich noch eben zum Tisch." Seine Betonung suggeriert mir dabei, welch wahnsinnig gute Tat er gerade dabei ist zu tun, dass dies aber natürlich selbstverständlich ist. Am Tisch angekommen, setze ich mich und während ich meinen Blindenstock zusammenfalte, nimmt mein Führer gegenüber von mir Platz. Dann sagt er: "Heute gibt es Fisch - ich weiß nicht genau, welchen - oder Rührei mit Spinat und Püree." Er hat offenbar das Rührei genommen, denn der entsprechende Duft steigt mir von seinem Teller aus in die Nase. Könnte mir auch schmecken, denke ich, beschließe aber, mit meiner endgültigen Entscheidung zu warten, bis ich auch mehr zum Fischgericht weiß.

Einige Minuten später kommt meine Lieblingsbedienung an unseren Tisch, eine sympathische, fast immer fröhliche junge Dame mit einem süßen russischen Akzent und dem urdeutschen Namen Vogel. Von ihr erfahre ich, dass es sich bei dem Fisch um Hering handelt, und entscheide mich tatsächlich für das Rührei.
"Eine gute Wahl", beglückwünscht mich mein Gegenüber. "Davon hast du mehr."

Als das Essen wenig später vor mir steht, beschreibt mir mein Tischnachbar, wo was auf meinem Teller zu finden ist, und dabei hat er wieder diese Gute-Tat- und Selbstverständlichkeitsbetonung. Ich beginne zu essen und genieße die vorübergehend eintretende Ruhe, die aber schließlich wieder von dem Alten gestört wird: "Ich überlege ernsthaft, ob ich noch 'n Nachschlag bestell. Aber von der Russin werd ich den nicht kriegen. Das weiß ich schon, aber fragen kann man ja mal." Da stimme ich ihm zu. Soll er doch fragen.
"Ich will aber nicht dafür bezahlen", fährt er fort. "Das musst du genau unterscheiden. Nachschlag ist kein neues Essen, sondern nur noch was dabei, ohne Bezahlen. - Naja, wenigstens hab ich schon meinen Kaffee", sagt er dann und lässt die Geschichte folgen, die ich bestimmt schon dreimal gehört habe: "Wenn ich sonst die Russin frage, ob ich 'n Kaffee haben kann, weißt du was die dann sagt? Ja gleich. Und dann kann ich ewig warten. Die vergisst das. Als die Deutsche hier noch bedient hat, hab ich meinen Kaffee immer sofort gekriegt, aber die ist ja jetzt in der Küche. Von der kriegte ich auch 'n Nachschlag, aber bei der Russin ist da nix zu machen." Nun nimmt der Senior einen großen Schluck Kaffee und eine Weile tritt wieder Ruhe ein. Dann raunt er mir plötzlich zu: "Da kommt die Deutsche", und es folgt ein erwartungsfrohes, triumphierendes Lachen. Er winkt die Dame heran: "Könnte ich vielleicht einen Nachschlag bekommen?"
"Ich weiß nicht", kriegt er zur Antwort, und schiebt nach: "Wenn ich Frau Vogel frage, dann sagt die, ich muss dafür bezahlen."
"Ich frag mal", sagt die Küchenhilfe und eilt davon. Mein gegenüber ist gar nicht zufrieden und grummelt: "Wenn die Deutsche schon fragen muss; 'ne Russin; dann wird das nix." Wenig später ist die Dame aus der Küche zurück: "Es ist genau, wie Sie gesagt haben. Wenn Sie noch was wollen, müssen Sie bezahlen. Anweisung vom Chef."
"Naja, dann ist nix zu machen, aber fragen kann man ja mal."

Möglicherweise wäre das Thema damit erledigt gewesen, aber dann kommt Frau Vogel: "Gibt es irgendein Problem? Stimmt etwas nicht mit dem Essen?"
"Doch doch, mit dem Essen ist alles in Ordnung."
"Was ist dann?"
"Ich hab nur gefragt, ob ich noch 'n Nachschlag bekommen könnte, aber wenn der Chef sagt, dass das nicht geht, dann geht es halt nicht."
"Natürlich können Sie noch einen Nachschlag bekommen; so viel, wie Sie wollen. Aber dann müssen Sie auch dafür bezahlen."
"Nein, Frau Vogel, Sie begreifen das nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen Nachschlag und noch 'n Essen. Sie müssen das Deutsch einmal richtig kennen lernen." Daraufhin argumentiert Frau Vogel, dass sein Verhalten geradezu unverschämt sei, zumal man ihm eh auf Verlangen immer schon extra viel Püree auf den Teller tue, ohne dass er dafür auch nur einen Cent mehr bezahlen müsse. "Sie können übrigens auch nur eine halbe Portion bestellen. Dann müssen Sie auch nur den halben Preis bezahlen."
"Danke für den Hinweis. Werde ich mir für die Zukunft merken."

Als ich beim Nachtisch bin, erhebt sich mein Gegenüber: "Ich geh eine rauchen. - Ich bin übrigens der Achim. Und wie heißt du?"
"Simon", erwidere ich, ehe mir wirklich bewusst wird, dass ich mit diesem Typen gar nicht per du sein möchte.

Während des Rauchens muss Achim der Vorfall mit Frau Vogel, für den diese sich übrigens in seiner Abwesenheit bei mir entschuldigt hat, weiter beschäftigt haben, denn als er zurückkommt, geht er zu ihr und sagt: "Ich wollte mich einmal ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie mir immer mehr Püree geben." Ich frage mich jetzt nur, ob man dies als Schuldeingeständnis werten kann oder ob Achim nur Angst hatte, sonst in Zukunft weniger Püree zu kriegen.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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