Inge und Gilla und der Sport


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung im WDR)


Inge schloss ihren Hyundai auf und warf die Plastiktüte mit den Sportsachen auf den Rücksitz. Sie hatte keine richtige Sporttasche. War ja bis jetzt auch nicht nötig gewesen. Schließlich hatte sie schon Jahre lang quasi keinen Sport mehr getrieben. Das sollte sich aber ab heute ändern. Zusammen mit ihrer Freundin Gilla wollte sie jetzt jeden Donnerstag Abend ins Fitnessstudio gehen.
Inge fuhr los. In zwei Minuten war es halb acht und in ziemlich genau zwei Minuten würde sie auch bei Gilla sein. Sie lächelte zufrieden, denn so pünktlich war sie selten.
Bei Gilla angekommen, drückte Inge dreimal kräftig auf die Hupe. Das hatten sie so ausgemacht: "Wenn ich hup, kommße raus." Und Gilla kam raus, riss die Autotür auf und sagte: "Et dauert norren paar Minuten. Ich muss Heinz norret Abendessen machen und dann muss ich nomma auf Klo und dann bin ich so weit. - Ach weiße wat? Komm donnoch eben mit rein. Wat willße hier so alleine rumsitzen?"
Inge folgte ihrer Freundin ins Haus. "Der liecht nur noch den ganzen Tach vor der Flimmerkiste, seit der nich mehr arbeitet. Kannße dir dat vorstellen?", zischte Gilla, als sie am Wohnzimmer vorbei kamen, in dem ihr Mann Heinz offenbar auf dem Sofa lag und fernsah. "Der käm nie auf die Idee, mir ma im Haushalt zu helfen oder so. Gut, wenn ich ihn frach, dann trockneter schomma ab oder räumt de Spülmaschine aus, aber von sich aus tut der nix."
Inzwischen waren sie in der Küche angekommen und Gilla forderte Inge auf, sich an den Küchentisch zu setzen, was sie auch tat. Dann sagte Gilla: "Willße wat trinken? Meine Schwiegertochter hat mir vorgestern so'n leckeren Likör mitgebracht. Selbs gemacht. Den musse probiern." Ohne die Antwort ihrer Freundin abzuwarten, holte sie eine Flasche hervor und füllte zwei Gläser randvoll mit Likör. Dann fiel ihr ein: "Ach du muss ja fahrn. Da darfße ja nix trinken."
"Ach wat", beruhigte sie Inge. "Ein Tröpfchen in Ehren kann niemand verwehren. Auf unsere sportliche Zukunft." Beide Frauen stießen an und nahmen einen ordentlichen Schluck. "Hm", machte Inge dann. "Der is echt gut."
Nun ging Gilla daran, die Brote für ihren Mann zu schmieren. "Zwei Schnitten mit Salami. Jeden Abend datselbe. Schon Jahre lang. Meinße, der würd ma wat anderes essen? Also mir würd dat ja irgendwann so zum Hals raushängen, aber dem nich. Jeden Abend will der seine zwei Schnitten mit Salami. Ernährt sich deiner au so einseitig?"
"Näh, der isst schon verschiedene Sachen, aber nix Gesundes. Ja und dann kommder meistens um neun Uhr oder so nomma inne Küche: "Schaaatz" - Sons sacht der nie Schatz! - "Schaaatz, hasse wat übber?" Dann willer immer irgendwat haben, wat vom Mittachessen übbergeblieben is oder waddich schon für morgen am Machen bin. Und wenn ich nix übber hab, dann nimmder sich 'n Eis oder 'ne Tafel Schokolade oder so. Und die isster dann au immer ganz auf. Du, der is richtig fett geworden, glaubße mir dat? Is ja kein Wunder: so viel essen und sich dann nich bewegen. Da wirße fett. Ich hab ihn ja ma gefracht, obber nich mit will inne Muckibude."
Jetzt machte Inge eine Kunstpause, in die hinein Gilla erwartungsgemäß fragte: "Und, wat hadder gesacht?"
"Nix. Hätt' mich au sehr gewundert, wenner wat anderes gesacht hätte. Ja, Sportschau kucken, dat kanner, aber ma selbs Sport machen, auf die Idee kommt der nich. Aber wir beide, wa, Gilla?"
Nun stieß Inge mit ihrer Freundin, die inzwischen das Broteschmieren beendet hatte, erneut an und nahm selbst nur einen Schluck, während Gilla ihr Glas ganz leerte. "Trink ruhig ganz auf. Dann krisse nowwat Neues." Die Angesprochene tat wie ihr geheißen und Gilla schenkte nach. "Prost", sagte diese dann und läutete damit ein weiteres Anstoßen mit anschließendem Trinken ein. "So, jetz geh ich Heinz ma eben de Brote bringen, sons verhungert der mir noch." Gilla nahm den Teller mit den Salamischnitten und verließ die Küche.
Als sie kurze Zeit später zurück kam, meinte Inge: "Hömma, ich glaub, ich kann aber nich mehr fahrn. Ich merk den Alkohol schon ganz ordentlich."
"Ich auch", erwiderte ihre Freundin, "aber dat macht ja nix. Dann nehmwer uns hald'n Taxi."
"En Taxi? Aber dat is glaub ich ganz schön teuer geworden."
"Na und? Unsere Männer hammet doch", konterte Gilla grinsend. Dann brachen beide in ein schallendes Gelächter aus. Als sie sich wieder erholt hatten, griffen sie wieder zu ihren Gläsern und leerten sie in einem Zug.
"Hömma", sagte Inge jetzt, "nich datt die inne Muckibude gleich 'ne Dopingkontrolle machen, sons hamwer 'n Problem", und wieder prusteten die zwei Freundinnen los.
Kurze Zeit darauf meinte Gilla: "Jetz kömwer die Flasche au ganz leer machen", und schenkte zum letzten Mal nach. Während dessen begann Inge zu singen: "Einer geht noch, einer geht noch rein!" Dann stieg Gilla mit ein: "Einer geht noch, einer geht noch rein!" So sangen sie eine ganze Weile, wobei sie schließlich dazu übergingen, rhythmisch zum Gesang zu klatschen. Dann erhob Gilla plötzlich ihr Glas und schrie: "Hau weg die Scheiße", und exte ihr Glas. Inge machte es ihr nach. Dann stimmte Gilla ein Lied an: "Ein Glück, dass wir nicht sauhauhaufen. Wir lassen's langsam lauhauhaufen."
Auf einmal stand Heinz in der Tür: "Wat is denn hier los? Ich dachte, ihr wolltet zum Sport."
Gilla schaute ihre Freundin an: "Merkße wat, Inge? Der will uns loswerden."
"Ich glaubet auch", pflichtete Inge ihr übertrieben lallend bei, "aber den Gefallen kömwer ihm leider nich tun. Wir sind nämmich viel zu besoffen, um noch irgendwo hinzugehn."
"Wo de Recht has, hasse Recht", stellte Gilla fest und beide Frauen brachen erneut in Gelächter aus.
Heinz beschloss, die Küche zu verlassen und sich wieder ins Wohnzimmer zurückzuziehen. Er war schon sehr gespannt auf nächsten Donnerstag. Da wollten die zwei doch "wieder" Sport machen, oder?

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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