Lichterfest


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung im Rahmen des Projekts "Meine Stadt schreibt ein Buch)"


Jedes Jahr am letzten Donnerstag im November werden in Oberpleis viele kleine Laternchen aufgestellt, die den Ort in einem voradventlichen Glanz erstrahlen lassen. Es gibt Glühwein und Plätzchen und die Geschäfte locken mit diversen Aktionen. Zu Beginn des Lichterfestes gegen 17:00 Uhr kann außerdem ein besonderes Schauspiel beobachtet werden. Es ist nicht vom Veranstalter geplant und der, den es da zu sehen gibt, ist auch kein Aktionskünstler, sondern einfach ein Mann, der von der Arbeit nach Hause geht, nur dass dieser Mann etwas vor sich herpendelt, das ihn als Lichtlosen ausweist. Sein Gesichtsausdruck ist angespannt, konzentriert wegen der vielen Menschen auf seinem Weg. Weiß er, warum sie gerade heute so zahlreich unterwegs sind? Und weiß er, dass es sich um Laternchen handelt, die er mit seinem weißen Stock unabsichtlich berührt und leicht verschiebt? Aber selbst, wenn er es weiß: Für ihn sind sie nichts weiter als Hindernisse. Das Licht, das von ihnen ausgeht, lässt ihn völlig kalt. Aber stimmt das überhaupt? Vielleicht spürt er ja irgendwas. Die Gesamtatmosphäre kann man bestimmt auch so wahrnehmen und das Licht sieht er möglicherweise irgendwie innerlich. Hat er eigentlich früher mal sehen können oder lebt er schon immer im Dunkeln? Und stört ihn das überhaupt? Ihm fehlt der Sehsinn, aber vermisst er ihn? Vermisst er das Licht?

Schließlich ist der Mann nicht mehr zu sehen, aber er lässt so manchen mit einem veränderten Blick auf das Leuchten ringsumher zurück.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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