Kinderverarsche


Simon Kuhlmann


(Kolumne im BLINDzeln Newsletter)


Meine Aprilkolumne hatte das Thema Lügen. Ich finde, der Dezember ist ein guter Monat, sich erneut damit zu befassen. - Nein, ich möchte mich jetzt nicht über Lügen vom Kaliber "Danke Oma!! Diese wunderschöne Volksmusik-CD mit diesen herrlichen Liedern habe ich mir schon immer gewünscht!!" auslassen. Ich meine die Lügen, die Millionen von Erwachsenen alljährlich Millionen von Kindern erzählen. Ich meine die Nikolauslüge, die Weihnachtsmannlüge, die Christkindlüge und meinetwegen auch noch die Osterhasenlüge (wobei die wieder eher in eine Aprilkolumne gehört). Warum gaukeln die Erwachsenen den Kindern vor, es gäbe den Nikolaus, den Weihnachtsmann und das Christkind? Nun, die bekannteste Begründung ist wohl, dass die Erwachsenen sich einen erzieherischen Nutzen davon versprechen. So glauben sie z. B., dass der übermächtige Nikolaus und sein wie auch immer bezeichneter finsterer Gehilfe eine größere Wirkung haben als die Ermahnungen der Eltern. Eine andere Erklärung habe ich von einer Bekannten erhalten. Sie meinte, es sei doch einfach süß zu sehen, wie die Kinder an so was glauben. Und es ist sicherlich auch amüsant mitzubekommen, wie die Kinder allmählich ahnen, dass sie verarscht werden, und welche Geschichten sich Erwachsene ausdenken, um die Skepsis der Kinder klein zu halten, bis schließlich alles Leugnen keinen Zweck mehr hat. Aber geben diese und weitere Gründe uns Erwachsenen das Recht, Kinder anzulügen, uns, die wir Kinder zur Ehrlichkeit erziehen und die wir Kindern als Vorbilder dienen sollten? Meine Antwort auf diese Frage ist nein. Andererseits: Wirklich schaden tut diese Art der Lügerei den Kindern wohl nicht und sie dürfte sogar mindestens einen Nutzen haben: Die Kinder erkennen, dass man immer auf der Hut sein sollte, auch bei Leuten, zu denen man größtes Vertrauen hat.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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