Was wäre, wenn?


Simon Kuhlmann


(Kolumne im BLINDzeln Newsletter)


Fragt ihr euch auch manchmal, wie groß der Einfluss der Sehschädigung eigentlich auf euer Leben ist? - Nein, ich meine jetzt nicht so Sachen wie dass ein Blinder Auto fahren könnte, wenn er sehend wäre, oder dass wir bestimmte Sachen nicht ohne Hilfsmittel oder -personen machen können. Ich meine Grundlegenderes. Hätten wir als Sehende z. B. andere Interessen und Fähigkeiten entwickelt? Ich bin ein sehr musikalischer Mensch. Möglicherweise wäre ich das als Sehender weniger oder überhaupt nicht, weil ich mich, abgelenkt von visuellen Reizen, gar nicht so sehr für Akustisches interessiert hätte. Oder was ist mit dem Charakter? Ich bin ein recht zurückhaltender und unsicherer Mensch. Könnte ich sehen, wäre ich möglicherweise viel lockerer, weil ich mich in einer unbekannten Umgebung freier bewegen könnte, spontaner wäre in Situationen, wo ich jetzt eine Hilfsperson benötige, etc. Dann wäre ich möglicherweise heute Lehrer, hätte das Referendariat nicht geschmissen und mich zum Verwaltungsfachangestellten umschulen lassen. Schließlich war ein Grund, den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen, meine Unsicherheit vor der Klasse. Und die Unsicherheit der Sehenden wegen unserer Sehschädigung? Die wäre ja auch weg. Das hätte sicherlich Einfluss auf Bekannt-, Freund- und Partnerschaften.

Ich könnte noch viele Beispiele für Dinge nennen, die ohne den Einfluss der Sehschädigung anders sein könnten. Wie anders unser Leben ohne Sehschädigung wirklich verlaufen würde, werden wir aber nie erfahren. Seien wir also zufrieden mit dem, was ist, anstatt uns von dem Gedanken runterziehen zu lassen, als Sehende würde es uns besser ergehen.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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