Ein bisschen zu laut


Simon Kuhlmann


(Kolumne im BLINDzeln Newsletter)


Kennt ihr das auch? Ihr setzt euch gemütlich vor den Fernseher, die Sendung fängt an und kurze Zeit später denkt ihr: "Eigentlich ist das ja ein bisschen zu laut", und ihr nehmt die Fernbedienung und macht ein bisschen leiser. Jetzt ist es euch aber ein bisschen zu leise und ihr macht wieder ein bisschen lauter, worauf es wieder so laut wie vorher ist und ihr es als ein bisschen zu laut empfindet. Ihr wünscht euch irgendwas dazwischen, aber es gibt nicht irgendwas dazwischen, weil sich die Lautstärke bei den heutigen Fernsehern, Radios, Stereoanlagen etc. nicht mehr stufenlos verstellen lässt, auch dann nicht, wenn sie einen Dreh- oder Schieberegler haben, der einem das vorgaukelt. Aber selbst wenn man eine für den Moment optimale Lautstärkeeinstellung für sich gefunden hat: Spätestens wenn werbung kommt, ist es wieder zu laut, denn Werbung wird meist lauter ausgestrahlt als der Film. Apropos Film: Kennt ihr diese Filme, wo die Musik recht laut ist, während die Dialoge leise und genuschelt sind? Wenn man da alles mitkriegen will, ist man gezwungen, den Fernseher so laut zu machen, dass einem die Musik definitiv zu laut ist. Aber auch bei Filmen, wo das mit der Musik gut gelöst ist, gibt es natürlich lautere und leisere Stellen, weswegen man nie eine optimale Lautstärke für den gesamten Film finden kann. Und was für Filme gilt, gilt natürlich auch für andere Sendungen. Bei klassischen Konzerten ist das oft besonders extrem. Den Sender zu wechseln, nachdem man gerade eine einigermaßen optimale Lautstärkeeinstellung für den Moment gefunden hat, ist auch keine gute Idee, denn zum einen weiß man ja nicht, wie laut das ist, was auf dem anderen Sender gerade läuft, und zum anderen haben nicht alle Sender die gleiche Grundlautstärke. Zu allem, was ich bisher beschrieben habe, kommt noch, dass Lautstärkeempfinden subjektiv und sogar bei ein- und derselben Person nicht immer gleich ist. Das weiß jeder, der schon mal aus einer Disko gekommen ist und alles um sich herum leiser wahrgenommen hat als vor dem Diskobesuch. Aber wir müssen unsere Ohren gar nicht extrem belasten, um das Phänomen zu bemerken. Auch wenn wir morgens gerade aufgestanden sind, empfinden wir alles lauter als abends, nachdem wir den ganzen Tag über im wahrsten Sinne viel um die Ohren gehabt haben. Dumm gelaufen ist es übrigens, wenn sich Leute mit komplett unterschiedlichen Lautstärkeempfindungen eine Wohnung teilen müssen. Da kann es deswegen dann durchaus schon mal laut werden.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


zurück zur Seite Simon Kuhlmann
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Ein bisschen zu laut

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de