Lügen


Simon Kuhlmann


(Kolumne im BLINDzeln Newsletter)


Vor euch liegt der April-Newsletter, eine gute Gelegenheit, einmal über das Thema Lügen zu sprechen. Schließlich darf man am ersten April lügen. Das ist der Brauch. Ich habe bisher nur einmal jemanden in den April geschickt, und zwar meine Mutter. Der hab ich als Kind mal erzählt, ich hätte in meinem Kopfkissenbezug ein Loch entdeckt. Ganz allgemein gelogen hab ich aber schon mehr als einmal und wenn ihr ehrlich seid, trifft das auch auf euch zu. Wir sagen: "Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag", obwohl wir der angesprochenen Person eigentlich die Pest an den Hals wünschen. Wenn jemand anruft, sagen wir bisweilen: "Nein, du störst überhaupt nicht", obwohl es uns eigentlich gerade überhaupt nicht passt. Beliebt ist auch die Formulierung "Ich hab keine Zeit", wenn es eigentlich "Ich hab keine Lust" heißen müsste. Aber warum machen wir das eigentlich? Warum lügen wir unsere Mitmenschen an? Auf diese Frage habe ich für mich u. a. die drei folgenden Antworten gefunden:

1. Ich hab Angst vor langen Grundsatzdiskussionen und sonstigen Reaktionen, die unangenehme Wahrheiten nach sich ziehen.
2. Ich bin der Meinung, dass die andere Person auch mich anlügt. Dann ist es ja nicht so schlimm, wenn ich ebenfalls nicht die Wahrheit sage.
3. Standardfloskeln sind schnell mal gesagt und werden außerdem von der Gesellschaft erwartet.

Eigentlich habe ich den Anspruch, immer ehrlich zu sein, aber gerade was die Floskeln angeht, sage ich sie natürlich auch, aus Gewohnheit und weil ich nicht ständig anecken will. Auch das Belügen von Leuten, die mich ebenfalls belügen, fällt mir nicht allzu schwer. Was die Angst vor negativen Reaktionen und insbesondere Grundsatzdiskussionen angeht, wünsche ich mir allerdings schon, ich hätte da weniger Scheu. Soll es doch mal so richtig krachen. Einer wahren Freundschaft kann so ein reinigendes Gewitter sehr gut tun. Und wenn so was zum Kontaktabbruch führt, weiß man wenigstens, woran man ist, und braucht sich mit unangenehmen Zeitgenossen nicht länger herumzuschlagen, die man sonst vielleicht noch ewig an der Backe hätte.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


zurück zur Seite Simon Kuhlmann
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Lügen

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de