Telefonterror


Simon Kuhlmann


(Kolumne im BLINDzeln Newsletter)


Sogar ich als Telefonierhasser muss zugeben: So'n Telefon hat schon Vorteile. Aber muss dieser ganze technische Schnickschnack wirklich sein? Ich meine, früher, ja? Da klingelte das Telefon und man ging ran, wenn man zu Hause war. Wenn man nicht zu Hause war, ging man natürlich nicht ran und wusste auch gar nicht, dass jemand angerufen hatte, wenn man schließlich heimkam. Dann kam einer, der fand, dass es nicht sein kann, dass keiner rangeht, nur weil keiner da ist, und hat den Anrufbeantworter erfunden. Wenn man jetzt nach Hause kam, zwang einen ein blinkender Apparat dazu, eine Nachricht abzuhören und in der Folge einen Rückruf zu tätigen. - Was sagt ihr? Man muss ja nicht zurückrufen, wenn man keinen Bock hat? - Na schön, aber irgendwann rief dann derjenige, der auf den AB gequatscht hatte, wieder an und da konnte man als Entschuldigung nicht mehr sagen: "Sorry, wusste nicht, dass du angerufen hattest, weil ich nicht da war", denn dann war jemand am anderen Ende der Leitung ziemlich sauer: "Wofür hab ich dir denn extra 'ne Nachricht hinterlassen, du Arsch!?" Mittlerweile bleibt man auch nicht mehr von den Leuten verschont, die in Abwesenheit angerufen haben, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Die heutigen modernen Telefone speichern jeden Anruf und zeigen gnadenlos an, wer wann und wie oft angerufen hat. Wenn man dann zurückruft, kann man bisweilen Sätze hören wie: "Oh, sorry, da hatte ich mich verwählt. Ich wollte eigentlich die Simone anrufen. Die steht im telefoninternen Telefonbuch gleich unter dir." Oder es ist besetzt. - Gut, besetzt konnte es immer schon sein, wenn man jemanden anrief, aber heute kann man den Service seines Telefonanbieters nutzen und sich anrufen lassen, wenn die Leitung wieder frei ist. - Was meint ihr? Eine tolle Erfindung? - Also ich bitte euch! Früher hat man's halt ein parmal probiert und wenn zu lang besetzt war, hat man halt irgendwann aufgegeben. Heute nimmt man diesen scheinbar bequemen Service in Anspruch und hängt dann im schlimmsten Fall stundenlang neben dem Telefon bzw. schleppt das schnurlose die ganze Zeit mit sich herum, weil der automatische Anruf ja jederzeit kommen könnte. Und wenn er dann schließlich spätabends kommt, ist man total genervt, und der Gesprächspartner am anderen Ende ist auch total genervt, weil er gerade stundenlang mit seiner Mutter telefoniert hat und jetzt nur noch ins Bett will. - Wo bleibt eigentlich meine Waschfrau? Die sollte längst hier sein. - Ach du Scheiße, vielleicht hat die mir ja eine Nachricht auf der Sprachbox hinterlassen, als ich eben länger telefoniert habe! Da werd ich mich nie dran gewöhnen, dass die Sprachbox rangehen kann, obwohl bei mir besetzt ist. - Jo, Tatsache. Die Waschfrau hat mir eine Nachricht hinterlassen; vor zwei Stunden: Sie schafft's heute leider nicht mehr. Na toll, und ich sitz hier auf heißen Kohlen!

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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