Humor ist, wenn man trotzdem fährt

Erlebnisse mit Ein-, Aus- und Umsteigehilfe


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung in der Zeitschrift "Horus")


Dortmund. In der S-Bahn spricht mich ein junger Mann an: "Wo musst du raus?"
"Hauptbahnhof", sage ich.
"Dann helf ich dir." Normalerweise bräuchte ich keine Hilfe, aber in letzter Zeit kommt die S1 öfter abweichend auf Gleis 2 an, einem abseits gelegenen Gleis, von dem aus ich es schwierig finde, zur Treppe zu gelangen. Insofern ist es beruhigend zu wissen, dass jemand da ist, der helfen kann. Am Hauptbahnhof hilft mir der junge Mann beim Aussteigen aus der Bahn, die tatsächlich auf Gleis 2 gehalten hat. Dann aber sagt er schnell und recht leise: "Im Namen des Herrn und Jesus Christus mache ich, dass du wieder sehen kannst, sobald du diesen Bahnhof verlässt", und lässt mich stehen.

Damit ich als merkwürdigerweise immer noch blinder Mensch nicht auf solche Mitreisende angewiesen bin, organisiere ich vor Zugfahrten in der Regel Ein-, Aus- oder Umsteigehilfe entweder über die Mobilitätsservice-Zentrale (MSZ) oder bei der entsprechenden Bahnhofsmission. Die Hilfe funktioniert dann manchmal gut, manchmal überhaupt nicht und manchmal irgendwie. In jedem Fall liefert sie Stoff für diverse Anekdoten:

Köln Hauptbahnhof. Die angeforderte Umsteigehilfe kommt mal wieder nicht, weswegen ich meinen Anschlusszug verpasse. Ich lasse mich von einem Passanten zum Reisezentrum bringen, wo ich mich beschwere und frage, wann der nächste Regionalzug nach Dortmund fährt.
"Erst in einer Stunde", bekomme ich zur Antwort.
"Das ist mir zu spät. Ich habe einen Termin", sage ich. Darauf reagiert man mit Bedauern und will mich mit einem kostenlosen Kaffee vertrösten, den ich trinken könne, während ich warte.
"Ich will keinen Kaffee. Ich will einen Zug", erwidere ich unnachgiebig und erfahre, dass in Kürze sowohl ein IC als auch ein ICE einfahren, die in Dortmund halten.
"Dann nehm ich eben einen von denen, aber ohne zu bezahlen." Und tatsächlich beordert man jemanden, der mich zum entsprechenden Bahnsteig führt und den Zugbegleiter des IC fragt, ob er bereit ist, mich kostenlos mitzunehmen. Er bejaht und ich kann einsteigen. Durch dieses Entgegenkommen erreiche ich Dortmund nur etwa eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant und kann meinen Termin pünktlich wahrnehmen.

Nürnberg Hauptbahnhof. "Da kommt Ihr Zug", sagt der Umsteigehelfer und will mich zum Gleis führen. Nun bin ich aber nur blind und nicht taub. Daher habe ich die vorausgegangene Lautsprecherdurchsage gehört und kann den Bahnbediensteten davon überzeugen, dass der Zug, der da kommt, noch nicht meiner ist.

Bei meiner Freundin zu Hause. Für die Rückfahrt von ihr habe ich über die MSZ Einstiegshilfe am Münchner Hauptbahnhof angefordert. Bei der Anforderung von Einstiegshilfe wird der Treffpunkt immer automatisch festgelegt. Im konkreten Fall ist es das Reisezentrum. Nun kenne ich mich aber im riesigen Münchner Hauptbahnhof nicht aus und weiß somit nicht, wo das Reisezentrum ist. Daher rufe ich einen Tag vor der Reise bei der zuständigen 3-S-Zentrale an und frage, ob man mich nicht an der U-Bahn abholen kann, mit der ich ankomme. Nein, das gehe nicht, heißt es, weil die U-Bahn kein Produkt der Deutschen Bahn sei. Aha, denke ich. Dann kann ich ja froh sein, dass man mich auf der Hinfahrt überhaupt anstandslos vom ICE zur U-Bahn gebracht hat.

München Hauptbahnhof. Auf Grund des soeben geschilderten Problems mit der 3-S-Zentrale habe ich die Bahnhofsmission beauftragt, mich an der U-Bahn in Empfang zu nehmen und zum ICE zu bringen, aber es kommt niemand. Nach fünf Minuten rufe ich bei der Bahnhofsmission an und frage nach. Die Umsteigehilfe müsse eigentlich schon da sein, sagt man mir und verspricht, sich zu kümmern. Nachdem ich weitere fünf Minuten vergeblich gewartet habe, kriege ich langsam Panik und rufe erneut an. Man wundert sich sehr darüber, dass mir noch immer nicht geholfen wurde. Kurz darauf kommt dann endlich eine Frau mit afrikanischem Akzent. Jetzt muss es schnell gehen, denn uns bleibt nicht mehr viel Zeit und das Gleis, von dem mein ICE abfährt, ist gefühlte zehn Kilometer entfernt. Gott sei Dank fackelt die Afrikanerin nicht lang und rennt mit mir los. Drei Minuten später sitze ich völlig außer Atem im Zug, der sich kurz darauf in Bewegung setzt. Der von mir reservierte Platz befindet sich zwar in einem anderen Wagen, aber das ist jetzt zweitrangig.

Frankfurt am Main Hauptbahnhof. Auch hier ist die Zeit knapp, weil der Zug, mit dem ich angekommen bin, Verspätung hat. Ich sage dem Bahnangestellten, der mich in Empfang nimmt, dass er jetzt keine falsche Rücksicht nehmen soll. Er versteht, rennt mit mir los und kurz darauf erreichen wir meinen Anschlusszug. Hier kann ich sogar in den richtigen Wagen einsteigen und mich auf meinen reservierten Platz setzen.

Bei mir zu Hause. Ich bekomme eine Mail von der MSZ, in der steht, dass man die von mir angeforderte Umsteigehilfe in Köln leider nicht gewähren könne, da die dortige Mindestumsteigezeit von zehn Minuten unterschritten werde. Das Problem kenne ich. Mein Bruder hatte es während seiner Studentenzeit regelmäßig, weswegen er schließlich bei der Kölner 3-S-Zentrale eine Ausnahmeregelung speziell für seine Person durchsetzen konnte. Mittlerweile, so habe ich gehört, gibt es für das Problem aber eine allgemeingültige Lösung. Das schreibe ich in meine Antwort an die MSZ und siehe da, kurz darauf bekomme ich eine Verzichtserklärung zugemailt, durch die die Deutsche Bahn AG in Fällen, in denen die Mindestumsteigezeit unterschritten wird, von der Haftung "für ein Anschlussversäumnis und eine dadurch verspätete Ankunft am Zielort" befreit wird. Um diese Verzichtserklärung zu akzeptieren, muss ich - wie überraschend unbürokratisch! - einfach auf die entsprechende Mail antworten und dabei den Erklärungstext unverändert lassen, was ich sogleich tue. Seitdem gibt es in der Tat beim Unterschreiten der Mindestumsteigezeit keine Diskussionen mehr mit der MSZ.

Köln Hauptbahnhof. Von hier aus möchte ich weiter nach Düren (Autokennzeichen DN). Das weiß auch der fröhliche Bahnmitarbeiter, der mich am Gleis in Empfang nimmt: "Du wills nach Doofnuss? Isch darf dat saren. Isch komm selbs daher."

Essen Hauptbahnhof. Der Umsteigehelfer ist wohl froh, in mir einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Er sei auf Grund eines Unfalls auch schwerbehindert, erzählt er im Ruhrpottslang. Bis vor Kurzem habe er überhaupt nicht laufen können, mittlerweile gehe es wieder. Ich höre ihm geduldig zu und freue mich darüber, dass wir genug Zeit haben. So können wir meinen Zug locker erreichen, auch wenn wir in dem gemächlichen und im Zweifelsfall wohl kaum steigerungsfähigen Tempo weitergehen, das mein Begleiter vorgibt.

Bei meiner Freundin zu Hause. Eine Mitarbeiterin der MSZ teilt ihr telefonisch mit, dass die für die Fahrt zu mir angeforderte Ausstiegshilfe in Siegburg / Bonn (was für ein beknackter Name übrigens! Der Bahnhof befindet sich eindeutig nur in Siegburg!) nicht geleistet werden könne. Meine Freundin nimmt es hin, erzählt aber dem Siegburger Bahnbediensteten davon, der ihr auf der Rückreise hilft. Dieser meint, es war wohl so, dass die Dame, die meiner Freundin auf der Hinfahrt hätte helfen müssen, zum fraglichen Zeitpunkt bereits Feierabend hatte. Sie hätte aber sicher länger bleiben können, wenn meine Freundin auf der Hilfe bestanden hätte.

Marburg. Trotz der telefonischen Aussage, dass mir hier nicht geholfen werden könne, da andere sich überschneidende Aufträge vorlägen, spricht mich eine Bahnangestellte an und fragt, ob ich Hilfe brauche.
"Sie dürfen mir nicht helfen", bemerke ich scherzhaft, aber sie sagt, dass der Zug mit der behinderten Person, auf die sie warte, fünf Minuten Verspätung habe, weswegen sie mir gerne helfen könne. Daraufhin hake ich mich bei ihr ein und sie bringt mich durch den pladdernden Regen zu einem Taxi.

München Hauptbahnhof. Ein sehr junger Mann von der Bahnhofsmission nimmt mich am ICE in Empfang, um mich zur U-Bahn zu bringen. Ich sage ihm, dass er mich dort bitte ganz hinten einsteigen lassen soll. Darum hat mich meine Freundin gebeten. Er verspricht es, fragt aber auf dem Weg noch dreimal nach: "Sie wollen vorn einsteigen, hatten Sie gesagt?", und dreimal korrigiere ich ihn geduldig: "Nein, hinten." Die U-Bahn kommt, ich steige ein und an der Zielstation kriege ich Schimpfe von meiner Freundin, weil ich ganz vorne eingestiegen bin.

Siegburg / Bonn. Meine Freundin hat hier Einstiegshilfe angefordert, die sie aber vor Ort absagt, da es sich ein Bekannter, der uns hergefahren hat, nicht nehmen lässt, sie mit mir zum Zug zu begleiten. Vorsichtshalber fragen wir im Reisezentrum nach, ob die Wagen in richtiger Reihenfolge fahren, was bejaht wird. Zwei Minuten später sind wir auf dem Bahnsteig und hören folgende Durchsage: "Bitte beachten Sie: Die Wagen verkehren heute in umgekehrter Reihung." Na toll, also doch! Wo ist denn dann Wagen 26, in dem meine Freundin einen Platz reserviert hat? In der Lautsprecherdurchsage, die noch mehrmals wiederholt wird, gibt man nur an, in welchen Abschnitten die Wagen der ersten Klasse halten. Dann - der Zug hat schon Einfahrt und wir wissen immer noch nicht, wo wir uns am besten hinstellen sollen - kommt eine Durchsage extra für uns, in der die Position des Wagens 26 angegeben wird. Das nenn ich mal Service!

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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