Eine Geschichte mit Medien im Wandel der Zeit


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung in der Zeitschrift "Horus")


Vor 30 Jahren änderte sich die Fernsehlandschaft in Deutschland durch die Einführung des Privatfernsehens, in unserem Wohnzimmer änderte sich jedoch zunächst nichts. Erst vier Jahre später - ja, es muss 1988 gewesen sein - konnten wir, wenn wir unsere elektrisch drehbare Dachantenne auf "halb sechs" drehten, ganz passabel RTL plus empfangen. Dort lief noch nicht rund um die Uhr Programm und als Lückenfüller wurde einfach das Radioprogramm von RTL übertragen. Das brachte meine Schwester (acht) und mich (zehn), die wir große Fans von Radio Luxemburg waren, auf die Idee, doch mal das Radio und den Fernseher, der das Radioprogramm übertrug, gleichzeitig laufen zu lassen. Vielleicht erwarteten wir eine Art Supersound, aber auf keinen Fall das, was wir nun hörten: Es gab ein Echo. Der Fernseher hinkte dem Radio um etwa eine Sekunde hinterher. Das konnte ich mir nicht erklären. Ich fragte meinen allwissenden Vater, aber der wusste auch keine Antwort. Daher schrieb ich einen Brief an RTL plus, und zwar in Blindenschrift, der einzigen Schrift, die ich beherrschte. Es vergingen einige Tage, dann ging das Telefon. Eine Dame von RTL plus war dran. Man habe einen Brief von mir erhalten, den man aber nicht lesen könne. Ich solle doch noch mal mündlich vorbringen, was ich wollte. Das tat ich und bekam daraufhin eine einleuchtende Erklärung für die Sache mit dem Echo geliefert: Das Radiosignal wurde von Luxemburg aus an einen Satelliten im Weltraum geschickt und von dort auf die Erde zurückgestrahlt. Die Zeit, die das Signal von der Erde in den Weltraum und wieder zurück brauchte, betrug etwa eine Sekunde.

Soweit die wahre Geschichte. Verschieben wir jetzt die zeitliche Komponente um ein kleines Stück. Hätte ich meinen Brief nur ca. ein Jahr später geschrieben, hätte ich das in Schwarzschrift getan, auf Schreibmaschine. Dann hätten ihn die Leute bei RTL plus lesen können, dafür ich selbst aber nicht mehr, genauso wenig wie die dann wohl schriftlich erfolgte Antwort.

Machen wir nun einen größeren Zeitsprung. 1996 - ich lebte die Woche über schulbildungsbedingt nicht bei meinen Eltern mit Dachantenne, über die man mittlerweile in einer miserablen Qualität auch Sat.1 empfangen konnte, sondern bei einer Familie mit analogem Sattelitenfernsehen - bekam ich meine erste Computerausstattung. Sie bestand aus Notebook, Braillezeile, Sprachausgabebox, Scanner, Blinden- und Schwarzschriftdrucker. Jetzt konnte ich einen Brief schreiben, selbstständig kontrollieren und in Schwarzschrift ausdrucken, so dass der sehende Empfänger in der Lage war, ihn zu lesen. Die Antwort konnte ich dann zwar nicht unmittelbar lesen, aber hatte die Möglichkeit, sie mir über den Scanner zugänglich zu machen.

Und heute? Heute gibt es, außer im Kabel, kein analoges Fernsehen mehr in Deutschland und auch Radioprogramme werden in absehbarer Zeit nur noch digital ausgestrahlt. Dann kann ich meinen Weltempfänger wegwerfen, den ich 1988, also im Jahr meines Blindenschriftbriefes an RTL plus, zu Weihnachten bekommen habe und der mir immer noch als Radiowecker dient. Ließe ich diesen Weltempfänger und meinen sprechenden digitalen Satellitenreceiver gleichzeitig mit demselben Sender laufen und fiele mir dabei erstmalig ein Echo auf, so würde ich wahrscheinlich ins Internet gehen und das Phänomen googeln. Ich könnte meine Frage aber auch in einer E-Mail formulieren. Hierbei ist die Schriftbarriere endgültig gefallen. Sender und Empfänger haben eine Nachricht ohne merklichen Umweg gleich in der Schrift vorliegen, die sie beherrschen. Das kann Schwarzschrift sein oder Braille, aber auch gesprochene Sprache, also gar keine Schrift.

Ausblick
Schon heute gibt es Spracheingabeprogramme. Wird es irgendwann Standard sein, dass wir unsere Mails nicht mehr tippen, sondern einsprechen? Und werden wir uns die Antworten dann nur noch von der Sprachausgabe vorlesen lassen? Die Diskussion darüber, was das für die Brailleschrift bedeutet, überlasse ich anderen, nur so viel: Ich bin froh, dass ich sie habe, weil ich nur mit ihr in der Lage bin, komfortabel die Rechtschreibung zu kontrollieren. Außerdem kann ich mich auf Gelesenes besser konzentrieren als auf Gehörtes.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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