Ein unvergesslicher Abend


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung in der Zeitschrift "Horus")


Drei Blinde tapern durch Bonn. Der vorneweg ist ortskundig (sagt aber von sich, er wisse eigentlich auch nicht Bescheid), in Hörweite dahinter gehe ich mit einer Freundin aus Bayern im Schlepptau, die an diesem Wochenende erstmalig bei mir auf Besuch ist. Dieser kulturell interessierten Schönheit muss ich etwas bieten und weil ich im Veranstaltungskalender meiner Stadt nichts Geeignetes gefunden habe, haben wir uns auf die größere Nachbarstadt verlegt.

Wir sind auf dem Weg zum Contra-Kreis-Theater. Dort steht an diesem Samstag im Juli 2011 "Gut gegen Nordwind" auf dem Programm.
"Moment mal", höre ich jetzt einige fragen, ""Gut gegen Nordwind"? Ist das nicht dieser E-Mailroman?" Ganz richtig, gemeint ist der Bestseller von Daniel Glattauer, der ausschließlich aus E-Mails besteht, und zwar zu 99,9 % aus denen, die sich eine gewisse Emmi Rothner und ein Leo Leike schreiben, nachdem sie auf Grund eines Tippfehlers in der Mailadresse miteinander in Kontakt gekommen sind.
"Und das geht als Theaterstück?" Ich war auch skeptisch, aber ja, es geht, weil die beiden Schauspieler nicht einfach trocken aus dem Buch vorlesen. Immer wieder höre ich Tastaturgeklapper, was dafür spricht, dass auf der Bühne zwei Schreibtische mit Computern stehen, an denen die Darsteller aber keineswegs ständig sitzen. So zieht Leo einmal seine Jacke an und verlässt den Raum. Herrlich sind auch die Szenen, in denen die Charaktere betrunken sind (hier kommen als Requisiten Flaschen mit Getränken und Gläser zum Einsatz), aber nicht nur in diesen stellen die Akteure ihr schauspielerisches Können unter Beweis und lösen Lachsalven im Publikum aus. Kurz: Wir erleben eine wunderbare theateraufführung.

Nach der Vorstellung stehen wir drei noch eine Weile vor dem Gebäude und überlegen, ob wir noch irgendwo hingehen. Da gesellt sich ein Mann zu uns. Er finde es toll, sagt er, dass wir - und er meint wir als Blinde - ins Theater gehen. Das ist aus unserer Sicht natürlich eine ziemlich blöde Aussage, aber er meint es ja nicht so. Daher bleiben wir ganz ruhig und es entwickelt sich eine nette Unterhaltung. Wir sagen, dass uns das Stück gefallen hat und es insofern zu uns passt, als dass wir uns bisher auch nur über E-Mail kannten. Dann erzählt der Mann, der so um die fünfzig sein dürfte, er sei in Sachen E-Mail und Internet nicht so bewandert. Nun gesellt sich noch eine Frau zu uns: "Und hier kommt auch die Emmi." Da fällt es uns wie Schuppen von den Augen: Der Mann, mit dem wir uns die ganze Zeit unterhalten haben, ist nicht irgendein Theaterbesucher, sondern der Darsteller von Leo, und jetzt war auch noch die Frau dazugekommen, die die Emmi gespielt hat. Unglaublich! Sonst werden die Stars immer vom Publikum angesprochen, doch bei uns war es umgekehrt. Autogramme mussten wir aber keine geben.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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