Blindenbildung im Wandel - ein Erfahrungsbericht


Simon Kuhlmann


(Veröffentlichung in der Zeitschrift "Horus")


Ich habe sie noch erlebt, die klassische Blindenbildung, also die Bildung von (fast) blinden Schülern an einer Blindenschule. 1984 bis 1990 war das. Dann ging ich im Alter von zwölf Jahren in die Integration an ein Regelgymnasium, das allerdings 200 km von meinem Elternhaus entfernt war, weswegen ich die Woche über bei einer Pflegefamilie wohnen musste. Einen gerne angeführten Vorteil der Integration, die Heimatnähe, hatte ich also nicht. In meiner Umgebung fand sich nämlich keine Schule, die mich aufgenommen hätte, obwohl es dort sogar eine gab, die schon Erfahrung mit Blinden hatte. Grund dafür dürfte auch das recht negative Gutachten der Blindenschule gewesen sein, die wohl ihre Felle schwimmen sah angesichts der längst begonnenen Entwicklung, dass immer mehr blinde Schüler ohne zusätzliche Behinderungen integrativ beschult wurden.

Während meiner Gymnasialzeit überlegte ich, was ich denn später mal studieren könnte. Obwohl ich sehr musikalisch bin, bevorzugte ich zunächst Germanistik und Anglistik, später dann Psychologie. Musik sollte allein Hobby bleiben, denn mir war bekannt, dass man während eines Musikstudiums sehr viel üben musste. Beim Üben störte mich am meisten, dass ich, im Gegensatz zum Sehenden, erst mal auswendig lernen musste, was ich üben wollte, sei es nach Gehör oder nach Blindennoten, die ich mir selbst habe beibringen müssen. Schließlich siegte aber doch die Musik, mir war jedoch klar, dass meine instrumentalen Fähigkeiten nicht ausreichten, um an einer Musikhochschule angenommen zu werden, aber mein Klavierlehrer meinte, für das Musikstudium auf Lehramt an einer Universität sei ich gut genug. Lehrer zu sein, das konnte ich mir grundsätzlich vorstellen, aber an einer Regelschule dürfte ich es als Blinder schwer haben. Da hielt ich es für sinnvoller, meinesgleichen an einer Blindenschule zu unterrichten. Das war der einzige Grund, weshalb ich mich schlussendlich dafür entschied, nach bestandenem Abitur neben Musik Sonderpädagogik mit der Hauptfachrichtung Blindenpädagogik zu studieren.

Als Vorbereitung auf das Studium machte ich ein Praktikum an meiner alten Blindenschule. Dort hatte sich viel verändert. Der überwiegende Teil der Mädchen und Jungen hatte eine Mehrfachbehinderung und während wir einmal gemeinsam eine Schülerin wickelten, sagte mir ein Lehrer ganz klar: Wenn ich Blindenlehrer werden wolle, müsse ich bereit und in der Lage sein, solche Dinge zu tun, denn mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche würden meine Hauptklientel sein. Das war nun gar nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Zu Beginn des Studiums erfuhr ich dann, dass man begonnen hatte, die zwei bisher getrennten Schularten Sehbehindertenschule und Blindenschule zusammenzulegen. Dennoch blieb an der Uni die offizielle Trennung der beiden Fachrichtungen Sehbehinderten- und Blindenpädagogik weiterhin bestehen.

Als es im Studium 2003 darum ging, wo ich das vierwöchige Blockpraktikum in Blindenpädagogik mache, entschied ich mich für die blista. Ich wollte unbedingt einmal die Einrichtung kennen lernen, die ich als Integrationsschüler nie besucht hatte, und ich war begeistert, wie hier auf die besonderen Bedürfnisse der Schüler eingegangen wurde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mein Abitur an der Carl-Strehl-Schule mit einem besseren Notendurchschnitt als 3,6 bestanden hätte. Und ich wäre heute wohl selbstständiger, weil O & M sowie LPF in Marburg Pflichtfächer sind und das dortige Wohnheimkonzept dazu beiträgt, dass die erlernten Fähigkeiten auch angewendet werden müssen.
Während meines Praktikums an der blista waren die Sehbehinderten dort eindeutig in der Mehrheit (das dürfte heute immer noch der Fall sein) und es bestand eine gewisse Rivalität zwischen ihnen und den Blinden. Das äußerte sich z. B. darin, dass Blinde von sehbehinderten Mitschülern als Buds bezeichnet wurden (bud = blind und doof). Vielleicht führte auch das zu dem Wunsch einiger blinder Jugendlicher, getrennt von den Sehbehinderten unterrichtet zu werden. Diesem Wunsch wurde entsprochen, weswegen es damals eine reine Blindenklasse an der Carl-Strehl-Schule gab, die 9a. In einer Deutschstunde dort erlebte ich dann, was ich an einer solchen Einrichtung nicht erwartet hätte: Der Lehrer diktierte eine Tabelle, bei der ich Zweifel hatte, ob sie ordentlich aufs Blatt passen würde. Ich sprach ihn nach der Stunde darauf an und er meinte, dass er dies nicht beurteilen könne, da er nicht so viel Ahnung von Punktschrift habe. Ich erfuhr dann, dass die Mehrheit der Lehrer an der blista keine Sonderpädagogen waren und entsprechende Weiterbildungen mittlerweile nicht mehr finanziert wurden. Eine andere Sache, die mich befremdete, war eine Lehrerkonferenz, in der dem Kollegium erklärt wurde, was eine Braillezeile ist, und das, obwohl solche Geräte an der blista bereits im Einsatz waren.

Im Referendariat an verschiedenen Sehgeschädigtenschulen kam ich dann endgültig in die Situation, die ich durch meine Studienwahl von Vornherein hatte ausschließen wollen: Meine Schüler nutzten fast ausnahmslos die Schwarzschrift. Da war ich ja schon auf fremde Hilfe angewiesen, wenn ich nur lesen wollte, was sie schrieben. Wie sollte ich da Autorität ausstrahlen? Ich weiß, dass es Leute gibt, die das können, ich konnte es jedenfalls nicht. Dann wollte ich gerne ausschließlich mein studiertes Fach Musik unterrichten, wurde aber auch fachfremd eingesetzt. Ferner hatte ich Probleme mit dem niedrigen Niveau so mancher Schüler, fiel es mir schwer, Unterricht so zu planen, wie es von uns als angehenden Sonderschullehrern verlangt wurde ... - Kurz: Ich brach das Referendariat nach zwei Versuchen endgültig ab und ließ mich an einem BFW zum Verwaltungsfachangestellten umschulen. Ich hadere durchaus damit, dass ich letztendlich in einem Beruf gelandet bin, für den ich kein Abitur hätte machen müssen, aber man lernt ja nicht nur für den Beruf, sondern auch fürs Leben, und was das angeht, habe ich eine Menge gelernt.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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