Eine Flaschenpost, die es in sich hat


Simon Kuhlmann


Das beste Album von Reinhard Mey

Als Fan läuft man Gefahr, alles gut zu finden, was das Idol so produziert. Das ist bei mir nicht der Fall. Ich könnte einiges nennen, das mir an Liedern von Reinhard Mey nicht gefällt, ich kann eben aber auch "Flaschenpost" eindeutig als sein bestes Album herausheben. Das ist wahrlich eine Flaschenpost, die es in sich hat. Gleich zu Beginn wird an der ganz großen Schiffsschraube des Narrenschiffs Deutschland gedreht, das unaufhaltsam "Kurs aufs Riff" nimmt. Dann gibt es alles, was in keiner Telenovela fehlen darf, nur dass Mey mit diesen Zutaten eindeutig bessere Gerichte kocht: verlorene Freundschaft, Liebe, Vergebung und Glück, von dem man gar nicht immer weiß, dass man es hat, bis man von einem Fremden (im konkreten Fall einem Amerikaner) darauf gestoßen wird: "What a lucky man you are." Apropos Amerikaner: Was, wenn es sich bei diesem um einen schwarzen, abgerissen aussehenden Tramper handelt? Der Menschenfreund Mey gibt zu, dass er ihn nicht mitgenommen hat. Er hat es zwar gleich bereut und ist zum besagten Parkplatz zurückgefahren, aber da war es zu spät. Überhaupt: "Es ist immer zu spät." Wirklich immer? Nein. Ca. 30 Jahre, nachdem er sich in seinem Lied "Annabelle" über die Anhänger der 68er-Bewegung lustig gemacht hat, ergreift er die Chance zur Versöhnung, indem er sich im Song "Der Biker" Annabelle wiedertreffen lässt, die ihm nach einem Motorradunfall erste Hilfe leistet. Aber Reinhard Mey, der "'ne Oper aus jedem Kaninchenfurz" macht, wäre nicht Reinhard Mey, wenn nicht auch das Kleine, Unscheinbare, Banale zu einem Lied verarbeitet würde. Auf "Flaschenpost" sind das die Zettel seiner Frau. Mein Liebling ist hier nicht etwa die Aktzeichnung, die er beim Bäcker stehend im Brotbeutel entdeckt, sondern die Notiz "Zahnpasta fehlt und du mir auch". Lange Rede, kurzer Sinn: Wer sich über "Gute Nacht Freunde" und "Über den Wolken" hinaus intensiver mit meinem Lieblingssänger beschäftigen möchte, für den ist folgendes Album die perfekte Einstiegsdroge:

Reinhard Mey: Flaschenpost. Erschienen bei Intercord 1998

Ist zumindest meine Meinung, aber "Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt: Füchschen, glaub mir nicht."

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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