Die Prinzessin und die zwei Bauernsöhne


Simon Kuhlmann


Es war einmal das Mühlenland, das an einem großen Fluss lag. Es hatte seinen Namen wegen der zahlreichen Mühlen, die man überall im Land antraf. Es gab Mühlen, die vom Wasser des Flusses angetrieben wurden, sowie Windmühlen mit riesigen Flügeln, die unter anderem den Strom für all die elektrisch betriebenen Mühlen lieferten, die es auch gab. Doch selbst die größte Mühle wurde noch um Meilen überragt von dem prächtigen Schloss, das genau in der Mitte des Landes auf dem höchsten Berg erbaut worden war. Dieses Schloss gehörte niemand Geringerem als dem König des Mühlenlandes. Er war außerordentlich reich. Er hatte riesige Schatzkammern mit allen nur erdenklichen Schätzen der Erde, um die ihn so mancher beneidete. Am meisten beneidete man ihn aber wegen Mühlina, seiner schönen Tochter. Sie war so schön, dass es in keiner Sprache der Welt ein Wort gab, das sie auch nur halbwegs angemessen beschreiben konnte, und nirgends auf der Welt gab es ein Mädchen, das schöner als Mühlina gewesen wäre. Es gab nicht mal eines, das genau so schön wie Mühlina war. Deshalb war es kein Wunder, dass die ganze Welt um Mühlinas Schönheit wusste. Das wiederum hatte zur Folge, dass junge Prinzen in Scharen aus allen Himmelsrichtungen ins Mühlenland hin zum Schloss strömten, wo sie beim mächtigen König um Mühlinas Hand anhielten. Das machte ihn sehr stolz und auch recht zufrieden, aber eine Sache machte ihm Kummer: Mühlina verschmähte all ihre Freier, wenn nicht von vorne herein, so doch nach einigen Wochen. Sie fand immer etwas, wieso auch der schönste Prinz nicht gut genug für sie war. Der eine war ihr zu dick, der andere zu dünn. Der eine redete zu viel, der andere zu wenig. Der eine war ihr zu kühn und der andere war ihr wieder zu ängstlich und so weiter.
Auch diese Wählerischkeit Mühlinas sprach sich natürlich schnell herum. Das führte allerdings nicht dazu, dass die Bewerber allmählich weniger wurden, sondern sie wurden ganz im Gegenteil noch zahlreicher. Jeder hoffte, dass gerade er der Richtige für die schönste aller Prinzessinnen sein könnte. Und es waren längst nicht mehr nur Königssöhne, die es wagten, beim mächtigen König des Mühlenlandes vorzusprechen. Nein, auch eine Unmenge von Männern aus dem einfachen Volk machte sich tagtäglich auf den Weg in der Absicht, Mühlinas Herz zu erobern.
Das galt auch einmal für zwei Bauernsöhne. Dabei handelte es sich zum einen um Frigo aus dem Kühlhäuserland, welches nördlich des Mühlenlandes lag, und um Solario, der seine Reise im Süden, im Sonnenkollektorenland begann. Beide ritten sie zur selben Zeit los und beide trennten genau tausend Meilen von ihrem Ziel. Da Solarios Pferd aber schneller war als das von Frigo, erreichte der Jüngling aus dem Sonnenkollektorenland das prächtige Königsschloss einen Tag eher. Entschlossen pochte er an das über und über mit Gold verzierte Tor von Eichenholz. Kurz darauf öffnete sich dies knarrend und Solario stand einem furchterregenden Riesen gegenüber, der als Türhüter fungierte: "Was willst du?", fragte dieser donnernd. Einen Moment lang spielte der junge Bauernsohn mit dem Gedanken einen Rückzieher zu machen, doch dann nahm er allen Mut zusammen und sagte: "Ich bin Solario aus dem Sonnenkollektorenland. Ich bin zwar nur ein einfacher Bauernsohn, aber ich bin tausend meilen geritten, um bei Eurem König um die Hand seiner Tochter anzuhalten."
"Duuuuu?", hallte es nun aus dem gewaltigen Mund des Riesen und es folgte ein ungeheures Gelächter, das die Erde erzittern ließ. Als es geendet hatte, fand Solario das Tor verschlossen. Da schossen Tränen in die Augen des Jünglings. Sollte seine Reise wirklich vergebens gewesen sein? Nein, es musste einfach einen Weg in Mühlinas Herz geben. Er holte seine Laute hervor und legte seine ganze Trauer, seine Verzweiflung und die Liebe zur schönsten aller Prinzessinnen in die Musik. Da plötzlich tat sich das Tor wieder auf und Mühlina höchst persönlich stürmte heraus und dem jungen Bauernsohn geradewegs in die Arme: "Ihr spielt so schön! Ihr spielt so unglaublich schön! Noch nie hat mich etwas so berührt wie Eure Musik!", rief das schöne Mädchen aus. Inzwischen drängten sich am Tor sämtliche Bewohner des Schlosses und auch der König selbst war gekommen. Zu diesem drehte Mühlina sich schließlich um und flehte ihn an: "Oh Vater, bitte erlaube mir diesen musikalischen Jüngling zu heiraten." Der König, dem die Sache noch nicht ganz geheuer war, der aber sehr wohl sah, dass es seiner Tochter ernster war als bei allen Prinzen, die schon ihr Glück bei ihr versucht hatten, sagte schließlich: "Nun gut. Möge er dein Gemahl werden. Aber nur unter einer Bedingung:"
"Ich tue alles, was du willst, Vater, alles, wenn ich nur den Jüngling für immer mein nennen darf!", rief die Prinzessin dazwischen, aber der König ließ sich nicht beirren und sprach ruhig weiter: "Du musst mir beweisen, dass er dir mehr bedeutet als jeder andere zuvor. Wenn du ihm ein ganzes Jahr lang treu bist, so will ich deinen Wunsch erfüllen."
"Wenn's weiter nichts ist", sagte Mühlina jetzt vergnügt und küsste Solario direkt auf den Mund. Dann nahm sie ihn bei der Hand und gemeinsam schritten sie durch die Gasse, die die Menschenmenge bildete zum Tor und ins Schloss hinein und erreichten schließlich Mühlinas Schlafgemach.
Am Tag darauf erreichte Frigo aus dem Kühlhäuserland endlich das Schloss. Auch er pochte entschlossen an das Eichentor und auch ihm öffnete der furchterregende Riese: "Was willst du?" Auch Frigo überkam einen Moment lang die Angst, aber dann fasste er sich wieder und sagte mit fester Stimme: "Ich bin Frigo aus dem Kühlhäuserland. Ich bin zwar nur ein einfacher Bauernsohn, aber ich bin tausend Meilen geritten, um bei Eurem König um die Hand..."
"Zu spät", unterbrach ihn der Riese donnernd. "Mühlina ist vergeben. Seit gestern." Frigo traf der Schlag mit einer Wucht, die bei Weitem die überstieg, mit der der Riese ihm jetzt das Tor vor der Nase zuschlug. "Ach, ich bin verloren! Der Sinn des Lebens wurde mir geraubt!", rief er unter Tränen, aber niemand hörte ihm zu. Da nahm er in seiner Verzweiflung seine Harfe zur Hand und legte all seine Gefühle in sein Spiel, ganz so, wie es sein Nebenbuhler aus dem Sonnenkollektorenland einen Tag zuvor mit seiner Laute gemacht hatte. Und auch diesmal öffnete sich das Tor wieder und Mühlina stürmte dem Harfenspieler in die Arme. Als der König wie am Vortag mit allen anderen Schlossbewohnern am Tor erschienen war, sagte sie zu ihm: "Vater, ich werde mich weiter an deine Bedingung halten und Solario treu bleiben, denn ich liebe ihn über alles, doch möchte ich diesen musikalischen Jüngling hier auch nicht mehr missen. So frage ich dich denn, ob er nicht unser Kammerdiener werden kann, damit auch er immer um mich ist." Der König zögerte einen Moment, doch schließlich übermannte ihn der flehende Blick seiner Tochter und er sagte: "Wenn es dich glücklich macht, so soll er euer Kammerdiener sein."
Natürlich wäre Frigo lieber an Solarios Stelle gewesen, aber er war froh, dass er überhaupt in Mühlinas Nähe sein durfte, dass sie ihn nicht völlig verschmäht hatte. Daher ließ er sich nichts anmerken und machte seine Arbeit so gut er konnte. Er las der Prinzessin jeden Wunsch von den Augen ab und erfüllte ihn auch immer sofort. Selbst wenn Mühlina gewollt hätte, sie hätte nichts gefunden, was zu beanstanden gewesen wäre. Sie war jetzt nicht nur die allerschönste Prinzessin der Welt, sondern auch die allerglücklichste. Sie hatte die Liebe ihres Lebens in Solario gefunden und den besten Kammerdiener in Frigo.
So wäre es wohl auch für immer geblieben, wenn, ja wenn Solario nicht eines Tages schreckliches Heimweh bekommen hätte. Anfangs hatte er noch versucht, es zu verdrängen und zu verbergen, aber lange ging das nicht gut und so sprach er schließlich zu Mühlina: "Meine Schöne, du weißt, wie sehr ich dich liebe, und ich werde dich immer lieben, aber so schwer es mir auch fällt, ich muss zugeben, dass die Liebe zu meinem Vaterland und zu meiner Familie größer ist. Hier ist alles noch schöner, als ich es mir je erträumen konnte, und du selbst bist das schönste Mädchen der Welt, aber ich bin nur ein einfacher Bauernsohn und ich vermisse das einfache Leben. Mein Vater besitzt nicht viel, nur ein kleines Stück Land. Aber wer bestellt es, wenn er alt und krank ist und schließlich stirbt? Ich bin sein einziger Sohn, also werde ich derjenige sein müssen. Mühlina, ich trage eine große Verantwortung, die ich nicht einfach von mir werfen kann. Ich werde nicht frohen Mutes von dir gehen, das kannst du mir glauben, aber ich werde - nein - ich muss gehen." Während seiner Rede hatte Solario seine Tränen noch zurück halten können, aber jetzt strömten sie ungehindert aus seinen Augen und mischten sich mit denen, die Mühlina weinte. Eine solche Trauer war ihr bisher fremd gewesen. Wie konnte Solario ihr das antun, fragte sie sich, doch gleichzeitig konnte sie ihn verstehen. Wenn sie ihn wirklich liebte - und daran zweifelte sie keine Sekunde -, dann musste sie ihn gehen lassen.
Noch am selben Tag ließ Solario vom Kammerdiener all seine Sachen zusammenpacken. Wenn jemand ganz genau hingesehen hätte, dann hätte er ein besonderes Lächeln auf Frigos Gesicht sehen können, während dieser den Auftrag ausführte, denn ein klitzekleines Fünkchen Hoffnung züngelte in seinem Herzen: Vielleicht konnte er bald den Platz des Scheidenden einnehmen.
Am nächsten Tag im Morgengrauen verließ Solario das Schloss. Mühlina weinte bitterlich und sie weinte viele Tage und Nächte lang, bis ihre Augen völlig leer waren. Von da an saß die schönste aller Prinzessinnen Tag und Nacht stumm in ihrem Sessel am Fenster und sah hinaus. Frigo tat alles und sogar noch viel mehr, um zumindest ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern, aber nichts half. Wenn sie manchmal doch sprach, so sprach sie nur von Solario: "Er wird wiederkommen. Eines Tages wird er wiederkommen, denn er liebt mich doch, das weiß ich. Er wird wiederkommen und ich werde auf ihn warten und wenn ich mein ganzes Leben warten muss." Wenn Mühlina so redete, hörte Frigo ihr jedes Mal geduldig zu. Er konnte sie gut verstehen, denn auch er wollte warten; warten, bis sie erkennen würde, warum er, Frigo, ihr die ganze Zeit treu geblieben war. Und so lebten sie bis an ihr Lebensende.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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