Achter Dezember 2002


Simon Kuhlmann


Am 08.12.2002 um 22:18 Uhr schrieb ich meinem Freund H. eine E-Mail. Betreff: "Scheiße!!! Scheiße!!! Scheiße!!!" Was war passiert?

Ein paar Stunden zuvor hatte ich, wie zu jener Zeit fast immer sonntags, mit meinem Blindenstock in der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken an Gleis 7 des Dortmunder Hauptbahnhofs gestanden und auf die S1 gewartet, die mich zur Uni bringen sollte, wo ich ein Einzelapartment im sog. Studentendorf bewohnte. Kalendarisch betrachtet war es zwar noch Herbst, aber die Temperatur berechtigte eindeutig dazu, trotzdem von Winter zu sprechen. Es war arschkalt. Und dann stand da plötzlich sie und entfachte ein Feuer in meinem Herzen. Sie war klein und quirlig und auch stimmlich passte sie in mein "Beuteschema". Ich kann das schlecht beschreiben, aber ein Aspekt war, dass sie auf eine Art Hochdeutsch sprach, die sie leicht arrogant wirken ließ, das, was sie sagte, war jedoch überhaupt nicht arrogant. Wir stellten fest, dass wir jeden Mittwoch Morgen ein Seminar gemeinsam besuchten. Dann kamen wir irgendwann auf die Kälte zu sprechen, über die jeder andere gemeckert hätte, was mich immer aufregte, weil ich nicht per se was gegen kaltes Wetter hatte. Sie auch nicht. Sie liebte nämlich eiskalte, sternenklare Nächte. Weiter stellte sich heraus, dass sie, genau wie ich, Querflöte spielte, und spätestens, als wir uns darüber einig waren, was einen genialen Flötenton ausmacht (klar, kaum Luftgeräusche, in den tiefen Lagen einer Oboe nicht unähnlich), war es um mich geschehen.

Während wir so erzählt hatten, war die S-Bahn eingefahren, wir hatten sie bestiegen, waren die drei Stationen bis zur Uni gefahren, wo wir sie wieder verlassen hatten. Jetzt standen wir vor der Eingangstür meines Wohnheims, bis zu der sie mich noch begleitet hatte. Vielleicht (aber wahrscheinlich nicht, denn ich war zu schüchtern) hätte ich sie gefragt, ob sie noch mit raufkommt, aber sie hatte in unserem Gespräch leider auch ihren Freund erwähnt. Also schüttelte ich nur kurz ihre behandschuhte Hand und begab mich allein in meine Wohnung, wo ich mir Ablenkung durch Routinetätigkeiten versprach. Ich ging auf die Toilette, packte den Rucksack mit der von zu Hause mitgebrachten Wäsche aus und aß etwas, wobei ich sicherlich wie immer die Singleshow im Lokalradio laufen hatte. Diesmal hörte ich aber wohl nicht so genau hin wie sonst. Schließlich schrieb ich die eingangs erwähnte Mail an H. Ich erzählte ihm, was geschehen war, dass ich mich verliebt hatte oder doch nicht oder vielleicht doch, dass es schlecht wäre, wenn ich mich verliebt hätte, weil sie einen Freund hatte, was ja klar war bei einer so schönen Frau, dass ich sie einfach vergessen sollte, was aber ja nicht ging, weil ich jede Woche mit ihr im Seminar saß, um schließlich so zu enden, wie ich in der Betreffzeile begonnen hatte: "Scheiße!!! Scheiße!!! Scheiße!!!"

Um das Ganze literarisch aufzuwerten, könnte ich jetzt so was schreiben wie: "Von nun an sahen wir uns täglich und bald ließ sich nicht mehr verheimlichen, dass sie sich auch in mich verliebt hatte. Daher trennte sie sich von ihrem Freund und der Weg für unser Glück war frei. Heute sind wir verheiratet und bewohnen gemeinsam mit unseren wohlgeratenen Kindern Janina und Jannick ein schmuckes Eigenheim am Stadtrand."
Oder, dramatischer: "Ich habe sie nie wiedergesehen, aber noch heute erscheint sie mir in kalten, dunklen Winternächten im Traum und dann erwache ich jedes Mal mit tränennassen Augen."
Alles Quatsch! Tatsache ist: Wir haben uns wiedergesehen und sind sogar eine Weile locker miteinander befreundet gewesen, ein Paar waren wir jedoch nie und das brachte mich nicht um. Die ganze Sache hatte sich mit der Zeit etwas relativiert, aber meine Frühlingsgefühle an jenem Winterabend im Jahr 2002 werde ich nie mehr vergessen.

(c) Simon Kuhlmann / Königswinter


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