Warum ich schreibe


Sara Rietz


Seit meiner Kindheit, nachdem ich über gute Lesekenntnisse und -fertigkeiten verfügte, fesselte und faszinierte mich die Welt der Bücher, dieses Spiegelbild der Wirklichkeit. Frühzeitig wurde bei mir die Liebe zur Literatur geweckt. Damals schon, als junges Mädchen, gefangen von der Ausstrahlungskraft und Gefühlswelt der Lyrik, begann ich meine Fähigkeiten zum Schaffen von Gedichten zu prüfen. In den ausgedachten Strophen war ich bestrebt, die flüchtigen und vorüberwehenden Stimmungen als mein eigenes Geheimnis einfach festzuhalten.

Später jedoch, trotz der Empfehlungen meines Lehrers, diese poetischen Übungen fortzusetzen, hörte ich damit auf. In den Jahren, als ich die sichtbaren Dinge in Licht und Farben wahrnehmen konnte, hatte ich nicht den inneren Zwang, durch schriftliche Geständnisse die Last meiner Alltagsprobleme zu erleichtern.

Ein paar Jahrzehnte später, als ich von meiner optisch erfaßbaren Umwelt durch den Verlust meines Augenlichtes völlig getrennt wurde, suchte ich im Schreiben Zuflucht, um aus dieser lebenslänglichen Verbannung der Dunkelheit zu entfliehen. So gelangte ich zu der wiederentdeckten Welt, wo die Fesseln abfallen und ich mit meiner Phantasie nach Heilmitteln suchend, ohne Hindernisse durch Zeit und Raum wandern kann. Das Schreiben schenkt mir ein Asyl, wo die mir geraubten Schätze bewahrt bleiben, und wo ich mich nicht allein fühle, denn die Worte bauen mir eine Brücke zu den Menschen. Ihnen, die manchmal so fern sind, möchte ich jetzt -- im Gegensatz zu damals -- meine Seele und Gedankenwelt ganz offen zeigen, um mich richtig sehen und verstehen zu lassen. Wenn diese Absicht Anklang findet, wenn mich ein Echo erreicht, ist meine Trennung besiegt, die Verbannung vergessen. Für das Licht und die Farben ist das Schreiben eine wertvolle Entschädigung, die mir den Kummer zu verringern und die Freude zu vergrößern hilft. Neben diesem ganz persönlichen Gewinn bleibt mir die Hoffnung, daß meine Worte bei den Mitmenschen, die sie lesen oder hören, eine ähnliche Wirkung auslösen werden.

Zu dieser angenehmen Freizeitbeschäftigung veranlaßt mich immer wieder das Probieren der Möglichkeiten, einen vom Leben angebotenen Stoff wahrheitsgemäß und treu dichterisch so ausarbeiten zu können, daß eine aussagefähige Schilderung der Wirklichkeit entsteht. Die geistige Anstrengung beim Suchen nach Form und sprachlich schöner Formulierung bis zur endgültigen Fassung eines Textes ist mir ständig ein reizvoller Weg, den ich in dieser schöpferischen Tätigkeit gern betrete.

Die Sprache, dieses Instrument der Literatur, begeistert mich ebenso stark wie die Literatur als Kunst der Sprache. Innerhalb der Harmonie dieser Einheit bietet mir das Schreiben auch dadurch einen hohen Genuß, daß ich auf diesem Instrument zweisprachig spiele. Meine literarischen Versuche, in denen ich die Gedanken und Emotionen stimmungsvoll darzustellen und in die andere Sprache ebenso stimmungsvoll zu übersetzen beabsichtige, sind für mich Variationen für Themen, die ich meinen Mitmenschen in klangvoller Darbietung zu überreichen wünsche.

(c) Sara Rietz / Pirna


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