Vor der Fahrt


Sara Rietz


Auf der breiten Straße der Großstadt, die an diesem warmen Juninachmittag voll in Sommerlicht getaucht ist, pulsiert ein reges Leben, von unterschiedlichen Gesängen der Straßenmusiker untermalt. Bei diesen angenehmen Tönen und Klängen kommen uns viele Menschen, alt und jung, bunt gekleidet mit Taschen aller Art in den Händen, fröhlich oder traurig plaudernd entgegen, während die anderen Passanten, sich ebenso laut unterhaltend, langsam oder schneller in die entgegengesetzte Richtung gehen, um ihr Ziel einmal mit Sicherheit zu erreichen. Für den Betrachter dient dieses Straßenbild der Wahrnehmung des ewigen Kreislaufes in unserem Dasein.

In diesem ständigen Hin- und Hergehen kommt auch ein Hund, ein prächtiger Vierbeiner der Tierwelt, zum Vorschein. Dieser Helfer der Menschen läuft friedlich ganz rechts am Rand des Bürgersteiges, an einer kurzen Leine geführt. Die Figur seines Besitzers ist in diesem Augenblick nicht zu sehen, denn ein vor ihm gehender Mann verdeckt ihn halbwegs. Bei einem Lichtmast angehalten, schnuppert der Hund kurze Zeit, dann hebt er sein rechtes Hinterbein hoch. Sein Herrchen, von mittelgroßer Gestalt, bleibt stehen, wendet sich an das Tier und sagt ihm vorwurfsvoll: "Aber Bobby ..." Ein schallendes Lachen von zwei Kindern erklingt hinter ihm plötzlich durch das sprachliche Wirrwar in unmittelbarer Nähe. Eine laute Kinderstimme ruft begeistert: "Gucke mal, Mami, was der Hund macht!". "Nichts besonderes", lautet die knappe Antwort. "Na, ja, er markiert so seinen Weg", sagt der Hundebesitzer freundlich und dreht seinen langhaarigen Kopf zu den kleinen Jungen, die mit ihrer Mutter hinter ihm stehen bleiben. Dann erklärt er ihnen die Szene ausführlicher, wobei seine Liebe zum Tier in der Stimme mitschwingt. "Sie haben aber einen schönen, kräftigen Hund", spricht die blonde Mutter ihr Lob aus, was der Mann oft und gern hört.

Der Hund bewegt sich inzwischen hin und her an der Leine, als wollte er den fremden Kindern etwas vorführen. "Sein glattes Fell glänzt sogar", wundert sich der fünfjährige Junge. "Weil er gesund ist", klärt ihn der Mann auf. "Seine Ohren hängen so. Vorne, auf der Brust ist ein weißer Fleck", entdeckt der Kleinere. "Ach, ja!", staunt der andere Junge. "Kluge, braune Augen hat er auch. Bestimmt ist er ein Rassehund", behauptet die Mutter unwissend. "Jawohl, ein Labrador", bestätigt es das Herrchen mit einem spürbaren Stolz. "Mein treuer Freund", fügt er hinzu und läßt die Hand auf dem schwarzen Fell gleiten. In diesem Moment ahnt er nämlich nicht, daß ihm dieser Hund einige Stunden später einen unumkehrbaren Schaden zufügen würde.

Jetzt beendet er aber die Straßenbekanntschaft und verabschiedet sich fröhlich von den Kindern und ihrer hübschen Mutter. "Na, dann. Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal", sagt er leise und ist überzeugt, daß eine zufällige Begegnung auch vorkommen könnte. "Auf Wiedersehen, Bobby!", rufen die Kinder und gehen mit der Mutter weiter.

Der junge Mann will die Straße überqueren. Er schaut nach links und rechts. Die Autos halten. Die Ampel zeigt grün, so lenkt er mit seinem Hund die Schritte zur anderen Straßenseite. Sein Gesicht ist jetzt klar zu sehen. Dunkles, welliges Haar, das bis zu den Schultern reicht, umrahmt sein ovales Antlitz, in dem die braunen Augen von Selbstwertschätzung funkeln. In jedem Augenblick streifen seine Blicke mit einer tiefen Aufmerksamkeit die nähere und weitere Umgebung. Gut angezogen ist er, zu seiner mittelblauen Sommerhose paßt richtig das schneeweiße Hemd, dessen Kragen offen ist. Er trägt einen leichten Rucksack. Seine graue Farbe stimmt mit der seiner Sandalen überein. Mit festen Schritten und gerader Körperhaltung überquert er die Straße ebenso wie die Passanten, die vor ihm gehen. Am Bürgersteig angelangt, läßt er seine heiteren Blicke auf die Geschäftsreihe streifen, betrachtet flüchtig die Schaufenster und sorgfältig achtet er auf seinen Hund. Dabei hört er mit Vergnügen und Wohlgefallen die lobenden Bemerkungen der vorbeigehenden Menschen. Mein Bobby fällt überall auf, denkt er und kann seine Freude darüber nicht unterdrücken.

Bei einem Spielzeuggeschäft bleibt er stehen und bindet seinen Hund neben der Eingangstür an der für diesen Zweck vorhandenen Stange fest. Nach einigen beruhigenden Worten und einer Streicheleinheit verläßt er das Tier und tritt auf die Stufen zur Tür, die bei diesen sommerlichen Temperaturen geöffnet steht. So gelangt er schnell in den Raum. Die Regale sind mit den unterschiedlichen Spielzeugwaren gefüllt. Er schaut, wie auch die anderen Kunden, sie gründlich an, geht von einem Regal zum anderen, dabei spricht ihn eine Verkäuferin freundlich an: "Was wünschen Sie zu kaufen?" Sehr glücklich erzählt der junge Mann zuerst, daß er eine kleine Tochter hat und morgen ihr Geburtstag gefeiert wird. "Ich möchte ihr eine kleine Babypuppe schenken, die abwaschbar wäre, mit der sie gemeinsam baden könnte." "Ja, wir haben solche", antwortet die Verkäuferin und präsentiert dem Kunden die schönsten Puppen zur Auswahl. Sie lächelt und amüsiert sich über das Verlegensein des jungen Mannes. "Ja, schön sind sie alle. Das Auswählen fällt mir außerordentlich schwer", offenbart er ehrlich. Die blonde Dame hilft ihm freundlich. Daraufhin entscheidet er sich schließlich für eine blauäugige, handgroße Puppe, die auch hübsch gekleidet ist. Dazu empfiehlt sie ihm noch, auch einen passenden Puppenwagen zu kaufen. Der junge Mann ist begeistert und will selbstverständlich für seine Tochter auch dieses Spielzeug mitnehmen. Nach der Bezahlung packt er alles in den Rucksack ein. "Ihre kleine Tochter wird morgen bestimmt sehr glücklich sein, wenn sie von Ihnen diese Geschenke bekommt", sagt die Verkäuferin zufrieden und wünscht ihm mit dem Kind eine schöne Geburtstagsfeier. Der junge Mann bedankt sich. Seine Augen glänzen von der Vorfreude. Er verabschiedet sich höflich und nähert sich dem Ausgang. Dabei merkt er, daß ein älterer Mann und ein ungefähr sechzehnjähriger Junge seinen Hund betrachten. Sie sind mit ihm schon soweit befreundet, daß der Ältere ihn zu streicheln wagt.

Der junge Mann tritt aus dem Geschäft hinaus, steigt die paar Stufen herunter und will seinen Hund loslösen. "Bobby, mein lieber, warst du artig?", fragt er vollkommen überflüssig. Der Hund ist ruhig, die Fremden haben ihn nicht gestört. "Ah, Sie sind das Herrchen von diesem Labrador", sagt der ordentlich gekleidete Mann, dessen Haarschopf schon graumeliert ist. "Jawohl." "Wollen sie ihn mir verkaufen? Ich bin nämlich ein Hundezüchter und möchte diese Rasse in der nächsten Zeit züchten. So ein prächtiges Exemplar habe ich selten gesehen." "Mein Vater sucht schon lange diese Rasse", unterstützt der Junge seinen Vater. "Oh, es tut mir leid, einen Freund verkauft man aber nicht. Es ist so. Nicht wahr?" "Schade, sehr schade", brummt der Alte traurig. "Ja, ein hübscher, junger Hund ist er", sagt der Junge. "Kaum zwei Jahre alt könnte er sein", stellt der Hundezüchter fachmännisch fest. "Richtig geraten", sagt der junge Mann lebhaft und verabschiedet sich mit einem "Wiedersehn". "Nun komm, Bobby", befiehlt das Herrchen leise. Dann nimmt er die Leine in die rechte Hand und schlendert weiter. Vater und Sohn schauen ihnen lange nach. Sie bewundern den eleganten Gang, die feinen Bewegungen des Labradors und folgen ihm mit langsamen Schritten. "Bobby heißt er", flüstert der Sohn dem Vater zu.

Der Verkehr hat inzwischen zugenommen. Autos und Straßenbahnen fahren des öfteren in beide Richtungen. Der junge Mann und sein Bobby lassen sich davon nicht stören.

Vor einem neuen Schaufenster bleibt er wieder wie angewurzelt stehen. Ein feuerrotes Sommerkleid aus feinem Stoff, reizend genäht, erweckt sein Interesse und zieht ihn in seinen Bann. Das ist wunderschön, einmalig wunderschön, denkt er und holt unwillkürlich tief Luft. Das kann ich nicht hier lassen, das kaufe ich unbedingt für meine Frau. Ja, ich möchte direkt sehen, wie glücklich Helgas Augen vor Überraschung aufleuchten werden. Bei diesen Gedanken spielt ein Lächeln, kaum bemerkbar, um seine breiten Lippen.

Der Hund muß wieder angebunden draußen auf sein Herrchen warten. Der junge Mann tritt ins Warenhaus ein. Diesmal dauert das Einkaufen gar nicht lange, er kehrt zu seinem Bobby mit einer sichtbaren Zufriedenheit zurück. Sein intelligentes Gesicht strahlt vor Freude, weil er das erworbene Geschenk, schon akkurat eingepackt, in dem Rucksack tragen kann. Während er mit mäßigen Schritten weiter spaziert, kreisen seine Gedanken um die Vorstellung, wie froh und glücklich sie beide werden, wenn sie Seite an Seite miteinander in sonniger Wärme verliebt flanieren, wobei seine Frau zur gemeinsamen Freude dieses feuerrote Kleid trägt. Für einen Augenblick malt er für sich selbst trotz des Straßenlärms Traumbilder.

Unter den vielen Passanten nähert er sich mit seinem Vierbeiner, für den er von den Vorbeigehenden immer wieder lobende Bemerkungen vernimmt, einer Gaststätte. Das Gebäude steht von den anderen anderthalb Meter eingerückt, und der so entstandene freie Platz, erweitert um einen Meter auf dem Bürgersteig, dient als Cafeteria im Freien für die Menschen an den Tischen an solchen sonnigen, warmen Tagen, wie der heutige, Kaffee, Kuchen oder Getränke zu bestellen und die Zeit in Gesellschaft der Freunde angenehm zu gestalten. Als der junge Mann dieses mit einem niedrigen Zaun abgetrennte Café erreicht, hört er unerwartet seinen Namen. Sein ehemaliger Schulkamerad, der beste Freund aus den früheren Jahren, ruft ihm laut zu: "Karl, Karl, komm her zu uns!" Die Einladung nimmt Karl sehr gern an und geht in der besten Stimmung mit dem Labrador zum Tisch, an dem ihn Hans und seine Verlobte, Mariella, fröhlich empfangen.

Voller Freude ist die gegenseitige Begrüßung wie unter den Menschen, die sich selten treffen. Karl stellt seinen Rucksack auf den leer gebliebenen Stuhl. Daneben platziert er den Hund. "Welch ein Zufall", jubeln sie alle. "Diese Begegnung ist der Höhepunkt dieses Tages. Einfach herrlich!", sprechen sie mit der gleichen Empfindung. Hans zeigt mit einem breiten Lächeln die gesunden Zähne, wischt die langen Haare von der Stirn weg und bestellt gleich Sekt zur Begrüßung. Die Gläser klingen musikalisch beim Anstoßen.

"Wirklich, das ist für uns quasi ein Feiertag, nicht wahr? Das müssen wir begießen", sagt Karl und bestellt die nächste Runde. "Doppelt hält besser", fügt er spaßeshalber hinzu und blickt auf Mariella, die mit einem ehrlichen Ton diese Weisheit bejaht. Dabei lacht sie kurz auf und dreht den Kopf mit ihren langen, durch einen Haarschmuck festgehaltenen Haaren, forschend zu Hans. Ein Nicken ist seine Antwort.

Ein lebhaftes Gespräch nimmt dann seinen Anfang. Sie erzählen Erlebnisse aus den früheren Jahren, frischen Erinnerungen aus der Schulzeit auf, die auch mit den gegenwärtigen Ereignissen geschickt verflochten sind. Zum Glück haben sie alle Arbeit und gute und schlechte Erfahrungen zum Gedankenaustausch. Den Straßenlärm ignorieren sie einfach.

Mittlerweile sind sie schon beim Kaffeetrinken und essen dazu Sahnetorte. Auch der Hund bekommt ein trockenes Brötchen. Inzwischen läßt ein Straßenmusiker in der Nähe sein Spiel mit der Gitarre genießen. Bei den melancholischen Klängen überlegen sie mit einer Nostalgie, daß die Schulzeit längst verstrichen ist und sie schon siebenundzwanzig Jahre alt sind. Nur die schlanke, blauäugige Mariella zählt zweiundzwanzig Jahre.

Karl schwärmt innig über seine kleine Sophie, die morgen ihren dritten Geburtstag haben wird. "Übermorgen bereiten wir uns auf die Reise vor, und einen Tag später fahren wir zum Gardasee". "Wie lange bleibt ihr dort?", fragt Hans. "Zwei Wochen möchten wir dort und eine Woche zu Hause zum Ausruhen verbringen." "Das ist aber ein richtig durchdachter Urlaub", bemerkt die hübsche Braut. "Was wird mit dem Hund geschehen?", fragt Hans und deutet auf den Labrador, der unter dem Tisch ruhig schläft. "Meine Schwiegermutter übernimmt seine Pflege - wir werden ihn vermissen. Er ist wie ein Familienmitglied für uns".

Nach dem Besprechen der verschiedenen Themen nähern sich langsam die Augenblicke, in denen sie sich verabschieden möchten, doch es ist immer noch viel zu sagen. "Mariella und ich", sagt Hans, "wünschen euch einen erholsamen Urlaub. Wie ich euch schon geschrieben habe, laden wir euch, hiermit auch persönlich, zum Fest unserer am zweiten August stattfindenden Eheschließung und Hochzeitfeier herzlich ein." "Ich bedanke mich auch im Namen meiner Helga, und ich verspreche euch, wir werden dabei sein", sagt Karl mit fester Stimme, und mit einem Händedruck bei beiden verstärkt er sein Versprechen.

So plant er, und seine dunkle Augen strahlen vor Lebenskraft und Optimismus, weil er von vornherein nichts ahnen kann. Kein Mensch hat die Fähigkeit, durch den dichten, undurchsichtigen Schleier des Schicksals, der vor uns die Zukunft wohlwollend verdeckt, zu blicken.

Unvernehmbar nähert sich die Finale. In deren Unkenntnis verabschiedet er sich mit den besten Wünschen von seinem Freund und dessen Braut in der Hoffnung, daß sie die angekündigte Hochzeit gemeinsam begehen werden. Nichts deutet auf Hindernisse. Also, alles scheint in Ordnung zu sein. Mit einem "Auf Wiedersehen" gehen sie dann auf getrennten Wegen weiter.

Karl erreicht nach Überqueren einiger Straßen die U-Bahn-Station. In diesem Moment denkt er an Helga und die kleine Sophie, und freut sich mit ihnen bald zu Hause zu sein.

In der hell beleuchteten Station schaut er wie gewöhnlich alles an. Jetzt sieht er interessiert den an der senkrechten Stange schräg befestigten Spiegel, der zur Kontrolle neben den Gleisen angebaut ist. Zur Zeit steht er ziemlich weit entfernt von dieser technischen Einrichtung unter den wartenden Fahrgästen. Er hält die Leine seines Hundes locker in der linken Hand und streichelt ihn mit der rechten ruhig und beruhigend.

Die U-Bahn fährt ratternd in den Bahnhof, dann hält sie auf einmal. Es beginnt das übliche Aus- und Einsteigen der Fahrgäste. Karl schaut zu. Höflich wartet er, bis die Leute vor ihm einsteigen, und tritt als letzter mit seinem Hund in den vierten, letzten Wagen ein. Kaum ist er drinnen, reißt der Hund plötzlich die Leine aus der Hand und springt hinaus. Die U-Bahn fährt los. Die Türflügel schließen rasch automatisch. Karl reißt sie mit Gewalt auseinander, aber die Spalte reicht ihm nicht zum Rausspringen. Er schafft es nicht, trotz größter Anstrengungen die Flügel weit genug auseinanderzuschieben. Sein Oberkörper bleibt erschöpft eingeklemmt. Mit dem letzten Rest seiner Kräfte versucht er sich in den Wagen zurückzuziehen. Das gelingt ihm aber nicht. Die U-Bahn beschleunigt das Tempo bis zur Höchstgeschwindigkeit.

Die lauten Hilferufe der Mitmenschen erreichen die Ohren des U-Bahn-Fahrers nicht. Infolge des Erschreckens denkt niemand daran, die Notbremse zu ziehen. Rasant schwindet die Hoffnung auf eine Rettung. Das Leben wie ein Film rollt in Windeseile vor Karls Augen ab. Die Bilder seiner Familie und Freunde stürzen ins dunkle Nichts. In der nächsten Sekunde prallt sein Kopf gegen den Kontrollspiegel.

Der Hund bei der Treppe winselt bitterlich, was fast sowie das Schluchzen eines Menschen klingt. Die Leine ist seltsamerweise festgehakt. Der graumelierte Mann, der Hundezüchter, und Sohn finden ihn nach kurzer Zeit. "Das ist der Labrador mit dem weißen Fleck auf dem Brustkorb", sagt der Sohn überrascht. "Tatsächlich. Der junge Mann, sein Herrchen, hat ihn verlassen", fügt der Vater traurig hin. Vorsichtig nähern sie sich dem Hund, dabei wiederholen mehrmals freundlich seinen Namen, um ihn zu beruhigen.

(c) Sara Rietz / Pirna


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