Vom Sinn der Neun-Wörter-Geschichten


Sara Rietz - Frühjahr 2006


Im Kloster sitzen neun Novizen bei Kaffee und Kuchen zusammen und beraten, wie sie die ihnen gestellte Aufgabe am besten lösen können. Jeder soll ein Wort nennen, welches dann in eine Geschichte eingearbeitet werden muß. Sie sind alle begeistert. Einige finden aber die Bedingungen fragwürdig. Der Umfang darf 30 Zeilen á 60 Zeichen nicht überschreiten. "Wer heckt sich so einen Heckmeck aus? Bei dieser Kürze kann kein niveauvoller Text entstehen", sagt einer von ihnen. Der andere argumentiert: "Mit 60 Zeilen kannst du besser wirtschaften, hast größere Freiheit, etwas zu gestalten. Ich hätte eine wunderschöne Begebenheit, doch leider zu lang. Wenn ich sie jedoch kürze, bleibt bloß ein Torso übrig." "Deine diesbezügliche Meinung hat der Abt schon abgelehnt, fang also damit nicht wieder an." "Abgemacht. Das Wort verhallt wie in der Wüste, weil kein Prophet in seinem eigenen Land etwas gilt."

Der diensthabende Mönch tritt ein und fragt: "Warum diese Aufregung?" Ihm wird alles erzählt, worauf er weise zu bedenken gibt: "Bei den alten Schreibmaschinen sollte man 65 Zeichen schreiben. Bei der heutigen modernen Technik ist es nicht sinnvoll möglich, höchstens 60 Zeichen in einer Reihe unterzubringen. Warum also diese unsinnige Beschränkung?" Stille. Niemand ist in der Lage, den Unfug zu verteidigen. Die jungen Männer warten mit Ungeduld auf das Ende der Besprechung, um im Anschluß an das Abendgebet in ihren Zellen ihre Ideen zu Papier bringen zu können. Der Leuchter spendet ihnen dazu genug Licht. Für die wertvollste literarische Arbeit ist eine goldene Perle als Preis ausgelobt. Sie sind überzeugt, daß ihre Freundschaft durch diesen geistigen Wettbewerb nur gestärkt werden kann. Neid, Mißgunst und Gier dürfen sie nicht hegen, sonst kommen sie in die Hölle. Das wissen sie ganz genau.

(Die in den Text einzuarbeitenden Pflichtwörter waren: Kloster, Freundschaft, Prophet, Ungeduld, Leuchter, Kuchen, Perle, Mönch, Hölle)

(c) Sara Rietz / Pirna


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