Versäumnisse


Sara Rietz - Juni 2004


"Meine Rica, meine Rica", sagt die Mutter zu ihrer Tochter, die neben ihr an diesem heißen Juli-Nachmittag im kühlen Zimmer auf der Liege sitzt. "Wie oft habe ich schon dein Bild geküßt" und hält ein geöffnetes Gebetbuch in den Händen, beugt sich darüber und hebt das kleine Buch zum Mund.

"Was für ein Bild ist das?" fragt Rica neugierig. "Ein Foto von dir, als du zum ersten Mal Kommunion hattest." - "Ach", seufzt Rica kaum vernehmbar und preßt schützend beide Hände auf das Herz. Ihre Augen werden blitzschnell feucht, als sie leise murmelt: "Ich habe das nie gesehen und jetzt ..." Dicke Tränen rollen unaufhaltsam an ihren Wangen herab. Die Mutter, die erfolglos gegen das Weinen ringt, weiß sehr wohl, wie schrecklich der Kummer ihrer Tochter in diesem Moment ist. Sie will etwas zur Beruhigung sagen, findet aber jetzt für Rica keine tröstenden Worte. Weinerlich zittert ihre Stimme: "Ich habe es für dich immer in diesem Buch aufbewahrt." - "Und ich wußte nichts davon", flüstert Rica und wird nachdenklich.

Stille, eine bedrückende Stille lastet auf ihnen beiden. Ein langes Schweigen scheint sie voneinander zu trennen. Doch die kaum hörbaren Töne des Schluchzens verbinden sie miteinander, während sie jetzt ihren Gedanken nachhängen und sich irgendwo in der Vergangenheit bei denselben Erlebnissen treffen.

Rica schwimmt im Strom der Zeit über vier Jahrzehnte zurück, klammert sich fest an den Strohhalm der Erinnerung und verweilt lange in ihrer Kindheit. Sie sucht und findet sich im Jahre 1946 als neunjähriges Mädchen, wie eine kleine Braut gekleidet, am Festtag Christi Himmelfahrt in der Kirche unter vielen Kindern wieder. Dort steht sie in der Reihe vor dem Ikonostas, die Hände zum Gebet gefaltet, um die erste Kommunion zu empfangen.

Das erste große Fest war das in ihrem Leben. Sie war damals klug genug, zu spüren und zu erfahren, wieviel Sorgen und Schwierigkeiten ihre Mutter bewältigen mußte, für diese Feier alle notwendigen Sachen kurz nach dem Krieg zu beschaffen, um diese kirchliche Tradition würdevoll begehen zu können.

Ihre liebe Mutter, die außerhalb ihres Wohnortes so ängstlich gewesen war, unternahm mit der Nachbarin eine lange, gefahrvolle Reise nach der 250 Kilometer entfernten Hauptstadt, um für die mitgenommenen Mastenten auf dem Schwarzmarkt durch Tauschgeschäfte für ihre vier Kinder Schuhe, Kleidungsstücke zu ergattern. Für Rica ist es allgegenwärtig, wie riesengroß die Freude der Familie war, als die Mutter am dritten Tag sichtbar erschöpft, aber zufrieden, zu Hause ankam. Nach kurzer Verschnaufpause erzählte sie dann, daß ihnen eine Razzia glücklicherweise überall erspart blieb. Die Fahrt war sehr strapaziös. "Es lohnte sich aber", fügte sie hinzu und zeigte die mitgebrachten Sachen, zuletzt auch das Kleid, das kostbarste Stück von allem, das Festkleid für ihre kleine Tochter, die während der Betrachtung überrascht flüsterte: "Wunderschön, das ist wunderschön."

Rica sieht heute noch, wie damals auch, das Kleid auf dem Tisch ausgebreitet. Auf der weißen Seide waren Rosen in vielen Farben mit grünen Blättern kranzförmig am Vorderteil und an den Puffärmeln, die selben Motive unten am Saum, und einzeln verstreut am Rock von Hand kunstvoll aufgestickt. Es war ein unbezahlbares Unikat. Alle freuten sich mit. Doch ein Wermutstropfen mischte sich in die Freude hinein, denn es paßte dem Mädchen nicht. Das Kleid war ihr zu lang und zu weit, wobei die Länge weniger störend wirkte. Großes Geschick brauchte die Mutter, am Festtag das Kleid am schmächtigen Körper ihrer Tochter mit in Farben passenden Seidenbändern so elegant enger zu binden, daß es seine einmalige Schönheit durch diese Korrektur nicht einbüßen sollte. Ein Schleier, von jemandem geliehen, weiße Söckchen und Lackschuhe machten die Kleidung komplett.

So feierlich hübsch angezogen war sie damals. Rica erinnert sich klar, und jetzt nach vielen Jahren schmerzt sie die Erkenntnis, daß sie damals unwiederbringlich versäumt hatte, wenigstens für eine Minute in den großen Spiegel, der an der Wand hing, zu schauen. Ihre Mutter dachte auch nicht daran. In dieser zeitlichen Entfernung quält sie die Traurigkeit heftiger.

Dann findet sie sich an jenem sonnigen Junitag im Schulhof wieder. Dort versammelten sich die Erstkommunianten mit ihren Eltern und Geschwistern vor Beginn der Messe. In der kurzen Wartepause, erinnert sich Rica, daß Margit, die Klassenkameradin fragte: "Wer ist das?" - "Rica, deine Freundin. Erkennst du sie nicht?" kam die Antwort von Margits Mutter. Ein Schauder berührte Rica unangenehm bei diesem Gespräch. Sie spürte plötzlich durch den kurzen Dialog in ihrem Kinderherzen einen schmerzenden Stich, dessen Spuren die zahlreichen Jahre in ihrem Bewußtsein nie mehr auslöschen konnten. Traurigkeit überwältigte sie damals.

Als das Glockengeläut ertönte, führten die Lehrerinnen und Lehrer die nach Klassengröße und paarweise aufgestellten Kinder vom Schulhof nebenan in die Kirche, wo der Chor mit Orgelmusik begleitet, beim Einmarsch die feierliche Stimmung für alle ergreifend machte. Ganz vorne gingen die Erstkommunianten, festlich geschmückt, vor den Ikonostas, wo sie nebeneinander stehen sollten. Voll war die Kirche. Auch Vorschulkinder, Erwachsene, die Einwohner der Stadt feierten mit. Diese Messe blieb in Ricas Gedächtnis als ein unvergeßliches Erlebnis erhalten.

Nachdem der letzte Gesang und die Töne der Orgel verklungen waren, kehrten die Erstkommunianten mit ihren Angehörigen in die Schule zurück, wo in einem Klassenraum die Tischplatten der kleinen Bänke mit Frühstück gedeckt auf die Kinder warteten. Rica saß in der Nähe der Tür und schaute das herrliche Gedeck auf der bunten Serviette an. Kuchen, Kekse und eine große Tasse Milchkaffee boten sich ihr zum Verzehr an. Doch sie berührte nichts. Ihre Mutter, die bei der Tür stand, kam zu ihr und ermutigte sie liebevoll: "Rica, das ist alles für dich. Du darfst es essen. Guten Appetit." Zweimal brauchte man ihr das nicht zu sagen, denn sie hatte Hunger. Vor der Kommunion war das Essen nämlich nach der kirchlichen Anordnung nicht erlaubt.

Nach dem gemeinsamen Frühstück war das nächste Ziel der kleinen Gesellschaft das Geschäft des Fotomeisters auf der Hauptstraße. Er hatte an jenem Tag viel zu tun, denn jeder wollte ein Foto aus diesem Anlaß haben. Ziemlich lange warteten hier Mutter und Tochter, bis Rica an die Reihe kam. Geduldig stand sie dann in ihrem Festkleid mit Brautschleier, die Hände zum Gebet zusammengelegt, vor der mit einem schwarzen Tuch bedeckten Kamera und blickte ernst geradeaus in den Fotoapparat.

Das ist alles, was Rica für sich selber aus den fernen Jahren zurückholen kann. An dieser Stelle versinkt der Strohhalm der Erinnerung im endlosen Strom der Zeit unwiederbringlich. Mit großer Anstrengung taucht sie noch einmal in die Tiefe dieses Stromes hinab, um vielleicht noch einige Scherben verborgener Schätze jenes Tages zu retten. Vergebens. Alles ist fort, wie eine spurlos verschwundene Insel. Unsicher, verstört kehrt Rica zurück.

Mit schwerer Bewegung der Erschöpfung trocknet sie sich die Tränen ab, und grübelnd sucht sie Antworten auf die Fragen, die sie unaufhörlich quälen. "Wie sah ich als kleine Braut aus? Hätte ich bloß einmal kurz einen Blick in den Spiegel geworfen, wäre mir wenigstens ein Spiegelbild in Erinnerung geblieben. Warum hat mich Margit nicht erkannt? Vielleicht, weil ich das erste Mal eine Brille aufgesetzt bekommen hatte? War diese Brille vielleicht groß zu meinem Kindergesicht? War ich an dem Tag so traurig? Bestimmt hing das mit der Brille zusammen. Ja, das machte mich traurig, mit neun Jahren eine Brille zu tragen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich auf dem Foto aussehen konnte." Solche und ähnliche Gedanken gehen ihr durch den Kopf.

Mit belegter Stimme fragt sie dann: "Mama, sag mir bitte, warum hast du mir dieses Bild nie gezeigt?" - "Sei nicht böse, ich habe es irgendwie versäumt. Du hast aber auch nie danach gefragt." - "Ja", erwidert Rica niedergeschlagen. "Das ist wahr. Ich habe das auch versäumt. Leider, leider. Jetzt ist es für mich spät, zu spät. Doch ich glaubte, es wäre in den schweren Jahren, wie vieles andere auch, verlorengegangen."

Die versäumte Frage während der einunddreißig Jahre, in denen es ihr noch möglich gewesen wäre, diese einzige Fotoaufnahme aus ihrer Kindheit gründlich, nicht nur einmal, sondern öfter, zu betrachten, um sie in der Schatzkammer ihrer Erinnerungen aufzubewahren, tut ihr unsagbar weh. "Alles ist vorbei. Vorbei. Nichts und niemand kann uns mehr helfen", seufzt sie tief und empfindet jetzt den Verlust sehr erdrückend.

Trostsuchend legt sie ihren Arm auf die rechte Schulter und den Kopf auf die linke ihrer Mutter, die das geöffnete Gebetbuch immer noch in den Händen hält und mit tränenvollen Augen auf das Foto ihrer kleinen Tochter schaut. "Meine Rica, meine Rica", wiederholt sie den ihr so lieben Namen, als betete sie für ihre mittlerweile alt gewordene Rica, die zur Zeit so unglücklich ist. Und nicht nur sie.

Die über achtzigjährige Mutter, durch die vielen Sorgen ergraut, und die über fünfzigjährige Tochter, deren Haare mit silbernen Fäden durchzogen sind, sitzen nebeneinander, durch Leid verbunden, und kein Psychologe könnte in diesem Moment diagnostizieren, in wessen Seele die Wunde qualvoller brennt.

(c) Sara Rietz / Pirna


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