Unter dem Baum


Sara Rietz - Juli 2004


Da bereits der Vorabend auch für diesen Julitag brütende Hitze versprach, mußte Julia, die erst zwölf Jahre zählt, sehr früh aufstehen, um mit dem Fahrrad noch in der Morgenkühle loszufahren. Bevor die Sonne unerträglich zu sengen beginnt, will Julia beim Gehöft des Großvaters ankommen.

Das kleine, schmächtige Mädchen radelt seinen Kräften entsprechend zügig mit dem zu großen Herrenfahrrad und dem Korb auf dem Gepäckträger das erste Mal in seinem Leben allein auf der langen Straße, über vierzehn Kilometer, zu seinem Ziel. Fröhlich und mit kindlichem Stolz lenkt es sein Rad in Richtung Norden und glaubt die Stimme seiner Mutter ständig zu hören: "Paß auf, meine kleine Tochter. Paß immer schön auf." Diese liebevolle Mahnung vergißt Julia nicht, während sie, die Ortschaft Hajdúdorog hinter sich lassend, die fast eintönige Landschaft aufmerksam beobachtet. In dieser ungarischen Tiefebene können die Augen ohne störende Hindernisse weit, weit schauen. Links und rechts neben der Straße verlaufen tiefer liegende Pfade, von Bäumen gesäumt, dahinter breiten sich Felder mit unterschiedlichen Pflanzenarten aus, ab und zu durch Gehöfte unterbrochen. Die alten, hohen Bäume werfen in diesen Frühstunden Schatten auf die Straße, so daß dort helle und dunkle Flecken entstehen. Julia scheint es, als wären sie in Bewegung. Dieses Schauspiel der Natur weckt ihre Phantasie. Während sie die Pedale tritt, stellt sie sich vor, daß der Großvater ihr in seiner vierspännigen Kutsche aus der nebelhaften Ferne entgegen kommt. Julia fährt in gleichmäßigem Tempo und träumt zugleich, als sähe sie Menschen, die ihn untertänig begrüßen. Er ist noch in den mittleren Jahren. Zu seinem rötlich gefärbten Gesicht paßt das dunkle, wellige Haar. Sein Körper strotzt vor Kraft und Gesundheit. Stolz sitzt er in seinem Vierspänner. Seine braunen Augen glänzen vor Zufriedenheit. Selbstbewußt blickt er nach vorn, weil er über sehr viel Besitz verfügt und glaubt, es bliebe alles immer so, und sein Glücksstern werde nie verblassen. So hat ihn die Mutter geschildert.

`So war es einst', denkt Julia. `Heute ist es ganz anders. Es kam ein Krieg. Der Zweite Weltkrieg. Vor vier Jahren ging er zu Ende. In einer äußerst schweren Zeit mit belastenden Abgaben leben wir jetzt ...'

`Oh, nicht der Großvater nähert sich jetzt', merkt Julia rasch. `Unmöglich ist das. Ich lasse bloß die Phantasie spielen', meint sie und konzentriert sich auf die Fahrt. Auf der linken Seite der Straße rollt langsam ein Pferdefuhrwerk in Staubwolken eingehüllt in Richtung der Ortschaft. Die Entfernung vermindert sich von Minute zu Minute, und Julia erkennt im Wagen ihren Cousin. Der Wagen ist mit vollen Säcken beladen. Nach kurzer Zeit treffen sie sich und halten für ein kleines Gespräch an. "Grüß dich, Georg. Welch ein Zufall!" "Hallo, Julia, so früh schon unterwegs? Willst du unseren Großvater besuchen?" "Jawohl. Und wohin willst du?" "Ich muß die Abgabe entrichten", sagt Georg mit gedämpfter Stimme. "Ach, das wirst du nie schaffen", entgegnet sie altklug, denn so etwas hört sie all zu oft.

Länger können sie sich nicht unterhalten, denn die Zeit drängt. Eilig verabschieden sie sich. Julia freut sich, daß sie die längste Strecke schon hinter sich hat, wie ihr Georg zum Schluß mitteilte. In mäßigem Tempo geht es weiter. Dabei achtet sie aufmerksamer auf die Kilometersteine, um das Ziel nicht zu verfehlen.

Weit entfernt erblickt sie auf dem rechten, tiefer gelegenen Pfad einen alten Mann kommen. `Er sieht fast wie mein Großvater aus! Er trägt etwas auf dem Rücken, ebenso wie mein Großpapa im vorigen Jahr, den großen Spiegel, das letzte und wertvollste Stück, das er noch besaß.' Solche Gedanken gehen ihr durch den Kopf.

Während sie die Pedale langsam tritt, erinnert sie sich und sieht das Bild vor ihrem geistigen Auge, als der Großvater den Spiegel mit reich verziertem Rahmen für ihre Mutter als Geschenk gebracht hat. Die Freude war riesig. Der Großvater strahlte vor Glück, denn er hat von allen Seiten Lob und Anerkennung für seine fast unglaubliche Leistung erhalten. `Mein Großvater hat etwas Unvergeßliches in seinem hohen Alter vollbracht. Bald werde ich ihn wiedersehen', jubelt sie beinahe.

Nach dem dreizehnten Kilometer fährt sie nur noch im Schrittempo, denn sie muß beim Kilometerstein vierzehn nach rechts abbiegen. Nicht weit von der Straße entfernt ist das von Bäumen verdeckte Gehöft zu finden. Sie muß jetzt sehr aufpassen. Die Stimme ihrer Mutter klingt ihr wieder in den Ohren.

Julia steigt ab und schiebt langsam, lautlos das Fahrrad auf dem schmalen, holperigen Weg, der links und rechts von hohen Maispflanzen und dichten Büschen gesäumt ist, weiter. Vorsichtig geht sie dort. Stille, eine ungewöhnliche Stille liegt auf der Gegend, die ihr Herz schneller klopfen läßt. Sie spürt diese Stille fast bedrohlich.

Sie bleibt stehen und schaut sich ängstlich um.`Nach dem Sonnenstand könnte es jetzt acht Uhr sein', stellt sie fest. Um diese Zeit ist hier sonst alles in Bewegung. So kennt sie Großvaters Bauernhof. Aber hier ist keine menschliche Stimme zu hören. Wo sind sie denn? Sie vermißt auch die Laute von Pferden, Kühen und anderen Haustieren. Nicht mal Hühner gackern in diesem Gehöft. Nur Vögel zwitschern in den Bäumen, Grillen zirpen im Gras, und das Summen der hin und wieder vorbeifliegenden Bienen ist wahrzunehmen. Der leise Wind huscht kaum hörbar durch die Blätter der Bäume und Büsche.

Ein unheimliches Gefühl bemächtigt sich plötzlich Julias. Zweifel überkommen sie, die sie jetzt kaum abschütteln kann. Nach ein paar Schritten steht sie wieder und läßt die Augen über die Landschaft streifen. `Bin ich etwa irregegangen? Zu früh abgebogen? Oder zu spät?' fragt sie sich unsicher und lauscht, den Atem anhaltend. `Nein, das kann nicht möglich sein', beruhigt sie sich. `Mutti hat mir alles gründlich erklärt. Und Georg auch.' Ganz still schiebt sie das Fahrrad weiter und horcht ununterbrochen. Aus der Richtung, in die sie ihre Schritte lenkt, kommen eigenartige Geräusche, die sie nicht richtig einordnen kann, unerwartet zu ihr. Bei einem Baum, wo sie eben Halt macht, stellt sie das Fahrrad hin und bindet den Korb ab, den sie auf den Arm gehängt, mitnimmt. Sie stöhnt unter seinem Gewicht. Die komischen Klopftöne sind jetzt besser zu hören. Zögernd und von Angst gepackt, geht sie in die Richtung. Nach einer kurzen Strecke erlebt sie eine Überraschung. Sie bleibt wieder stehen.

Einige Meter von ihr entfernt sieht sie unter einem Baum ihren Großvater. Er kniet dort und hält in seinen Händen eine etwa zwei Meter lange Stange. Den Kopf legt er in den Nacken. Während sein schneeweißes, dünnes Haar bis zur Mitte seines Rückens fällt, schaut er auf den Ast, gegen den er mit der Stange schlägt. Dabei rutschen ihm die Ärmel seines hellgrauen Hemdes bis zur Schulter zurück und lassen die blasse Haut der dünnen Arme sichtbar werden. Zwei-, dreimal hintereinander schlägt er gegen einen Ast des hohen Baumes, wobei die Schläge immer schwächer klingen. Wenn er Glück hat, fallen weiße Maulbeeren in großer Zahl auf die grasbewachsene Erde herab. Er legt dann mit unsicherer Bewegung die Stange neben sich an die rechte Seite, beugt sich tief hinunter, stützt sich mit dem linken Ellenbogen auf und sucht zwischen den Grashalmen mit der rechten Hand nach den kleinen süß schmeckenden Beeren. Findet er eine, steckt er sie schnell in den Mund. In der Hoffnung, im grünen Grasteppich noch eine weitere Frucht zu entdecken, bewegt er den Kopf hin und her, aber seine Bemühungen bringen nichts mehr. Er gibt es auf und greift erneut nach der Stange, um alles noch einmal anzufangen. Seine Kräfte lassen aber allmählich nach, und die schwach geschlagenen Äste schenken ihm immer weniger Maulbeeren.

Der Großvater ist so emsig beschäftigt, daß er nicht bemerkt, wie seine Enkelin unweit entfernt von ihm wie angewurzelt steht und alles genau verfolgt. Sie bemüht sich, das Seufzen ihres kindlichen Mitleids zu unterdrücken, um den alten Mann nicht zu erschrecken. Unentschlossen wartet Julia.

Eine ganze Weile wagt sie nicht, ihn zu stören. Sie wird dann doch von Neugier überwältigt, und fragt mit zitternder Stimme: "Großvater, mein Großvater, was machen Sie denn?" "Ich frühstücke." In seiner Antwort spürt die Enkelin, vibriert der Schmerz des Elends. `Mein Gott, ist es schon so weit gekommen, daß mein siebenundachzigjähriger Großvater hungern muß?' Dieser Gedanke erschüttert Julia so heftig, daß ihr Tränen in die Augen treten. Mit einem solchen Anblick rechnete sie nicht, als sie heute früh die Fahrt antrat.

Der Großvater legt die Stange weg, dreht sich schwerfällig und setzt sich erschöpft auf die Erde. "Julia, bist du das?" fragt er unsicher. "Ja, Großpapa. Sind Sie heute alleine hier? Wo sind die anderen?" "Sie suchen auch nach Eßbarem", murmelt er bitter, niedergeschlagen, vor sich hin, als spräche er mit sich selbst. Julia tritt näher zu ihm, stellt den Korb auf die Erde, zieht das Tuch herunter und sagt freundlich: "Gucken Sie mal, Großpapa. Ich habe etwas mitgebracht. Meine Mutti schickt Ihnen das."

Schnell wandelt sich der Gram im faltigen Gesicht in Freude, ähnlich wie die Nacht in Tageshelle übergeht. Die blutleeren Lippen unter dem weißen Schnurrbart formen sich zum Lächeln, die weißen Augenbrauen heben und senken sich, die schwach gewordenen Augen leuchten für eine Minute im Schatten des Baumes vor Glück auf, als er vorgebeugt interessiert in den Korb schaut.

(c) Sara Rietz / Pirna


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